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05.09.2018 16:19 Alter: 96 days

Wir haben Uli verabschiedet...

Uli Töpfer, Landesgeschäftsführer bei dem Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland, ist in Rente gegangen.


In einem bewegenden Gottesdienst und einer Feier mit vielen vielen Leuten haben wir ihn am 24. 8. verabschiedet. Dabei ist ihm noch einmal viel Dank und Anerkennung ausgesprochen worden. Uli hat die Evangelische Jugend zuerst in Thüringen und dann in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland entscheidend mit geprägt. 

Vieles davon bringt der Artikel von von Eike Kellermann vom Meininger Tageblatt vom 27. 8. 2018 zum Ausdruck.

Uli Töpfer, lange Landesgeschäftsführer bei dem Bund Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland, ist in Rente gegangen. Als Grünen-Politiker will er aktiv bleiben – und nebenbei sein bewegtes Leben aufschreiben.

Neudietendorf – Eine offizielle Entpflichtung von seinem Dienst als Landesgeschäftsführer der Evangelischen Jugend in Thüringen wollte Ulrich Töpfer eigentlich gar nicht. Für ihn, den alle nur Uli nennen, war die Arbeit keine Pflicht. „Ich habe dafür gebrannt“, sagt er. Aber in so einer 500 Jahre alten Institution wie der evangelischen Kirche gibt es nun mal Traditionen und Vorschriften und die geben in dieser Welt ja auch Halt.

Deshalb hat sich Uli Töpfer „gebeugt“, wie er sagt. Also wird er am Freitagnachmittag beim Gottesdienst in der Brüderkirche von Neudietendorf zum Altar gerufen, der mit Sonnenblumen geschmückt ist. Kirchenrätin Susanne Minkus-Langendörfer sagt zu ihm: „Im Namen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland danke ich Dir dafür, dass Du Deine Gaben und Kräfte für unsere Kirche eingesetzt hast.“ Nun sei er frei von allen seinen damit verbundenen Aufgaben und Pflichten. Dann legt sie ihre rechte Hand auf seinen Kopf und spricht den Segen.

„Ich habe gelächelt. Es hat gepasst“, sagt Töpfer später über diesen Moment. Viele hätten ihm gesagt, so ein Abschied habe auch etwas Erleichterndes. Er selbst hat für diesen Tag das sehr schöne Bibelwort herausgesucht, das – selbst wenn man nicht gläubig ist – etwas in einem zum Klingen bringt. Es lautet: „So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.“ Dieses Bibelwort habe etwas Beruhigendes, begründet Töpfer seine Wahl. Er habe lange danach gesucht. Es beschreibt, dass man loslassen und sich auch dem zuwenden könne, was – wie der Wein – eine Freude sei.

„Freue Dich drauf, Du darfst genießen. Wer nicht genießt, ist ungenießbar“, hatte Oberkirchenrat Christhard Wagner in seiner Predigt mit Blick auf Töpfers Ruhestand gesagt und den vielen Besuchern des Gottesdienstes „fröhliche Gelassenheit“ als Lebenshaltung empfohlen. Uli Töpfer sieht in dem Bibelwort überdies eine Ermutigung, sein eigenes Leben zu leben. „Wenn es mir gefallen hat, dann hat es auch Gott gefallen“, liest er heraus.

Brot und Wein mit Freude zu genießen, war für ihn gerade zu DDR-Zeiten alles andere als selbstverständlich.

Der Jugendwart im Kirchenkreis Meiningen war mit zwei anderen Kirchenleuten für die Mächtigen im Bezirk Suhl so etwas wie Staatsfeind Nummer 1. Töpfer ist in einem christlichen Elternhaus in Römhild aufgewachsen. Er ging weder zu den Pionieren noch zur FDJ. Deshalb durfte er nicht auf die EOS. Später verweigerte er den Wehrdienst mit der Waffe und wurde als Bausoldat eingezogen. „Es wurden schlimme eineinhalb Jahre“, sagt er.

Die Stasi überwachte ihn im Operativen Vorgang „Klerus“. Kirchenrätin Minkus-Langendörfer sagt, das erklärte Ziel des DDR-Geheimdienstes sei es gewesen, Töpfer „mit allen Mitteln zu isolieren und zu zersetzen“. Üble Gerüchte wurden über den Familienvater gestreut, der mit Eingaben unter anderem gegen den Schießbefehl an der DDR-Grenze oder die Umweltverschmutzung protestierte und die Kirche mit der „Offenen Arbeit“ für die Opposition öffnete. Damit verteidigte er auch etwas elementar Menschliches: seinen Eigensinn.

So übel waren die Gerüchte, dass es seine Familie hätte zerstören können. „Da braucht man eine starke Frau an seiner Seite, die dem nicht auf den Leim geht“, sagt Töpfer. Nach der Wende habe sich der Vize-Chef der Suhler Stasi bei ihm entschuldigt „für all das Schlimme, das wir Ihnen angetan haben“.

Nach der Wende wurde Töpfer für die Grünen Kreistags-Abgeordneter in Meiningen, später auch Stadtrat. Seit 2012 ist er sogar ehrenamtlicher Stellvertreter des Meininger Bürgermeisters. Als er selbst bei der Bürgermeisterwahl antrat, holte er fast 20 Prozent. Unglaublich viel für die auf dem Land schwachen Thüringer Grünen. Das zeigt die Wertschätzung für den Kirchenmann, der seinen Überzeugungen treu geblieben ist.

Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung: Das hat ihn zu DDR-Zeiten angetrieben, das treibt ihn immer noch an. Deshalb hat er beim Gottesdienst zu seiner Verabschiedung Geld gesammelt für die im Mittelmeer aktive Flüchtlingshilfe-Organisation Mission Lifeline. 1000 Euro kamen zusammen. Deshalb wird er aber auch angefeindet. Manchmal so gemein wie einst von der Stasi, auch wenn es jetzt nur böse Mitbürger sind. Sie haben ihm eines Nachts ein Bettlaken an den Zaun des Pfarrhauses gehängt, auf dem stand: „Töpfer – Volksverräter“. Auch wenn man ihm seine knapp 65 Jahre nicht anmerkt, wahrscheinlich, weil er immer mit jungen Leuten gearbeitet hat: Sie zeigen sich in seiner Lebenserfahrung. Er weiß, dass ein großer Umbruch nicht vom Himmel fällt, sondern  dass es nur mit kleinen Schritten vorangeht. Das war in der DDR so bis zur friedlichen Revolution. So ist es heute bei Veränderungen des gesellschaftlichen Klimas. Stolz ist Töpfer im Rückblick auf seine Arbeit in der evangelischen Kirche etwa darauf, die Kinderarmut in Thüringen zum Thema der Wohlfahrtsverbände gemacht und die Beratungsstelle „ezra“ für Opfer rassistischer Gewalt aufgebaut zu haben. Aber auch darauf, dass bei Tagungen des Kirchenparlaments, der Synode, vegetarisches Essen nun der Regelfall ist. Einer dieser kleinen Schritte.

Im nächsten Jahr werden in Thüringen die Kommunalparlamente neu gewählt. Uli Töpfer will dann in Meiningen für die Grünen wieder antreten. Eine Runde wolle er auf jeden Fall noch machen, sagt er. Seine ehrenamtliche Arbeit, etwa als Vorsitzender des Eine-Welt-Vereins, will er auch weiterführen. Und er wird wohl beginnen, auf sein bewegtes Leben zurückzublicken und seine Erinnerungen aufzuschreiben. „Das mache ich. Das wird eine Aufgabe für den Ruhestand sein“, sagt er.

Noch mehr über Uli:

Ulrich Töpfer – Wikipedia

https://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Töpfer

Jungen Menschen Würde geben – Im Gespräch mit Ulrich Töpfer ...

lutherskinder.de/jungen-menschen-wuerde-geben-im-gespraech-mit-ulrich-toepfer

ulrich töpfer | inSüdthüringen.de

www.insuedthueringen.de/