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26.02.2010 10:18 Alter: 8 yrs

Es geht immer auch anders

Walter Schilling, Mit-Gründer der "Offenen Arbeit", feiert seinen 80. Geburtstag


Walter Schilling

 

Das erste Mal begegnete ich ihm 1970, als wir in Jena begannen, die Offene Jugendarbeit, die spätere JG Stadtmitte, aufzubauen. Ich war damals 20, Theologiestudent, offen für alles und ohne Ahnung. Da tauchte eines Abends in unserer JG eine »Delegation« aus Rudolstadt und Saalfeld auf. Sie wollten mal schauen, wie es so bei uns läuft. Der »Kraftfahrer« dieser kleinen Truppe war der damals 40-jährige Pfarrer Walter Schilling. Hoch gewachsen, hager, schulterlanges Haar .und überzeugter Raucher der Zigarettenmarke Karo. Im ersten Moment war ich irritiert: Wollen die uns sagen, wo es langgeht? Aber nein - sie wollten wirklich wissen, wie es uns geht. Dabei hörte ich einen ersten entscheidenden Satz von Walter Schilling: »Schaut im­mer genau hin, wo die wirklich Schwachen der Gesellschaft sind, denn für die ist der olle Jesus da.«

Wir wurden nach Braunsdorf eingeladen. Braunsdorf, das klitzekleine Zehnhäuserdorf auf den Saalfelder Höhen, war seit 1957 der LebensmittelpW1kt von Schilling. In der Nähe war er groß geworden. Geboren am 28. Februar 1930 in Sonneberg, wuchs er in Oberlind auf, wo sein Vater Superintendent und Pfarrer der Bekennenden Kir­che war. 1948, nach dem Abitur, arbeitete er erst als landwirtschaft­licher Gehilfe und war dann Werkstudent im Bergbau: Er verdiente sich sein Studium unter Tage.

Die von Schilling mitbegründete Offene Arbeit und Braunsdorf wurden ein Selbstläufer - quer durch die, kleine verkorkste DDR 19.74 versuchte der Staat, diesen »Sammelpunkt der renitenten Langhaarigen«, zu schließen. Immer wieder mischte sich Schilling ein: 1976 nach der Verhaftung des Jenaer Jugendwarts Thomas Auerbach,. 1981 nach dem Tod von Matthiais Domaschk in der Stasi-U-Haft in Gera, 1983 bei der Verhaftung des Hallenser Diakons Lothar Rochau. Braunsdorf war das »böse Zentrum«, ohne konspirativ zu sein. Offenheit war die Devise. Wann immer jemand meinte: »Das geht so nicht!«, entgegnete Schilling: »Es geht immer auch anders!« Die Jahrestreffen der Offenen Arbeit im brandenburgischen Hirschluch, die Basisgruppentreffen quer durch die DDR, der »Kirchentag von unten« 1988, die Werkstätten in Thüringen - lebten von seinen Impul­sen. Und auch: Walter Schilling, Trompete blasend nachts auf dem Friedhof im Kuhkaff Braunsdorf.

Schließlich die Jahre nach 1989:

Seine Bemühungen um die Stasi-Aufarbeitung. Da hat er sich auf seine alten Tage manchen Feind gemacht. Aber in Sachen Wahrheit ist ja »viel Feind auch viel Ehr«.

Eines muss noch gesagt werden: All dies konnte Walter Schilling nur leisten mit Eva, der Frau an seiner Seite, die so oft im Hintergrund die gute Seele des ganzen Ladens in Braunsdorf war, Mutter von vier Kindern und Schillings sorgsame Begleiterin.

Uwe Koch
Der Autor ist Gemeindepfarrer in Magdeburg.

aus "Glaube und Heimat" Nr. 9 2010

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