Arbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Rudolstadt

(Ein Erfahrungsbericht aus Rudolstadt-Saalfeld)

Vor etwa 2-3 Jahren wurde uns das Projekt „Tandem“ bekannt, das Freiplätze für Kinder und Jugendliche schafft, die finanziell nicht in der Lage wären, an Freizeiten teilzunehmen. Wir erkannten, dass wir als Evangelische Jugend hier gefordert sind und beschlossen, für alle unsere Fahrten einen Freiplatz zu schaffen.

Die Finanzierung erwies sich gar nicht als so schwierig. Jugendliche sammelten Kollekten während unserer Taizé-Gottesdienste und stellten selbst gestaltete  Spendenbüchsen in verschiedenen Geschäften auf. Die Rudolstädter Rotarier sagten ihre Unterstützung zu.
Was wir allerdings nicht erwartet hatten: es fand sich niemand, der mitfahren wollte. Auch die Mitarbeiter der Obdachlosenhilfe, der Familienberatung und anderer Stellen konnten keine Interessenten finden. Eigentlich war das der Ausgangspunkt für die Arbeit, die seit dem im Entstehen ist. Da niemand zu uns kam, mussten wir zu den Menschen gehen, dort, wo sie sind und sich sicher fühlen.

So begann ich vor einem Jahr, Veranstaltungen wie das Straßenfest der Obdachlosenhilfe zu besuchen und dort Kontakte zu Kindern und Jugendlichen zu finden. Durch den Tipp einer Diakonie-Mitarbeiterin, dass an der Tafel auch jede Menge Kinder seien, begann ich auch dort einmal im Monat,  einfach mit ein paar Spielen, Büchern oder Bastelangeboten aufzutauchen.

Am Anfang bemerkte ich die Scheu der Menschen. Viele wollen nicht gesehen werden oder  sie spüren, dass sie nicht dazu gehören und halten sich lieber zurück.
Die Situation der Rudolstädter Tafel, die sich zum Glück bald ändern wird, erschien mir von Beginn an würdelos. Die ehrenamtlichen Helfer bereiten die Lebensmittel in 2 kleinen Räumen vor, die niemand von uns als Arbeits- oder gar Wohnraum nutzen möchte. Schimmel und Muffigkeit begleiten die Kisten und Regale, in denen sich die Waren stapeln. Fleisch und Wurst oder Milchprodukte lagern einfach so; es gibt keine Kühlmöglichkeit.  Die weit über 200 Menschen versammeln sich auf einem Platz an der Rückseite eines Wirtschafts- und Bürogebäudes. Der  unbefestigte Platz ist staubig, voller Schlaglöcher und ist umgeben von Garagen, wucherndem Unkraut und einer großen Straßenbrücke. Es gibt keinerlei Überdachung und 2 wackelige Bänke. Die Menschen stehen mehrere Stunden auf diesem Platz an, bei Hitze, Schnee oder Regen und warten bis sie an der Reihe sind. Etliche fahren auch per Auto an kopfschüttelnden „Normalbürgern“ vorbei, die sich aufregen, dass „die“ alles geschenkt bekämen obwohl sie sich ein Auto leisten können.
Man braucht nicht lange, um zu begreifen, dass es in unserem Land zwar alle die gleichen Straßen benutzen, aber in verschiedenen Welten leben. Die Betroffenen wissen das – bewusst oder unbewusst – sehr genau und sie haben Angst vor dem Fremdsein und dem auffällig sein in unserer Welt. Deshalb nehmen sie noch so gut gemeinte Angebote selten an.

Die ersten Nachmittage waren zäh. Einige Kinder ließen sich ansprechen, spielten mit und langten nach mehrfacher Ermutigung bei Gebäck  und Getränken zu. Bücher  waren für die Kinder eher uninteressant. Immerhin zogen sie einige Eltern und Großeltern an und ermöglichten erste Gespräche auch mit den Erwachsenen. Die ehrenamtlichen Helfer der Tafel haben sich von Anfang an über unser Engagement gefreut und uns unterstützt.
Oft kennen sie die Familien schon lange und sprechen sie bei der Ausgabe an, um auf Angebote für die Kinder und Jugendlichen hinzuweisen.

Im Sommer 2008 konnten wir zum ersten Mal mit 6 Kindern aus Rudolstadt, Saalfeld und Königsee zu einer Ferienfreizeit fahren.
Obwohl mein Kollege und ich seit vielen Jahren Freizeiten durchführen, waren wir erschüttert über den Lebensalltag der Kinder, den man erst bei längerem Zusammensein wahr nimmt. Eine Mutter brachte uns ihren Sohn mit dem Hinweis: “Zieht ihm ruhig die Ohren lang, ein Esel mehr oder weniger, oder gebt ihm eine, wenn er nicht hört. Der braucht das.“ Auf meine Antwort, dass wir keine Gewalt anwenden würden, zuckte sie die Schultern und sagte: „na wenn Ihr denkt“ und ging.
Für die viele Kinder gibt es keinen geordneten Tagesablauf, sie sitzen bis nachts vor dem Fernseher und kennen keine richtigen Mahlzeiten. (Wir wunderten uns, dass 10jährige beim Abendessen 12 Scheiben Brot aßen und hamsterten, bis sie nach 2 Tagen merkten, dass es regelmäßig für alle Essen gibt und sich ihr Verhalten normalisierte.)
Gewalttätige Auseinandersetzungen sind in vielen Familien normal. Vor allem den Jungs fehlen positive männliche Vorbilder, auch das erlernte Rollenverhalten von Mädchen ist erschreckend. Bildung jeder Art ist uncool. Die eigenen Chancen und der eigene Wert werden gering eingeschätzt.
Auffallend viele Kinder erzählten uns, sie würden „niemand mehr vertrauen oder sie könnten nicht mehr vertrauen, weil sie zu viel Schlimmes erlebt hätten“.

Keines dieser Kinder ist böse, dumm oder nicht liebenswert. Wichtig ist, zu begreifen, dass viele dieser Kinder keine Chance auf ein normales Leben haben, damit wir endlich ehrlich nach den Ursachen suchen und ihnen wirksame Hilfen geben.

Inzwischen hat sich ein Team gefunden, dass die Arbeit mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen unterstützt und trägerübergreifend zusammen arbeitet. Seit einigen Monaten sind eine Streetworkerin und eine Jugendliche  dabei.
Wir dürfen nach etwas Verhandlungsgeschick (wichtig ist, wer bei welchem Träger anfragt!) den Schulungsraum des DRK nutzen und müssen nicht mehr mit den Kindern im Regen stehen.

Gerade haben noch 2 Mitarbeiterinnen aus der Arbeit mit Kindern und Familien ihre Mitarbeit begonnen. Auf den Freizeiten ist mein Kollege dabei, der als männliche Bezugsperson besonders wichtig ist. Wir hoffen, das Wachsen geht weiter.

Auch die äußere Situation wird sich verändern. Die Tafel wird in neue Räume umziehen, wo Menschen auch zusammen sitzen und Kontakte pflegen können.
Für die Kindernachmittage stellt die Stadt einen zusätzlichen Raum nebenan zur Verfügung, wo wir ab Sommer 14tägig mit den Kindern zusammen sind. Eingebunden in gemeinsames Kochen, Essen, Spielen und Basteln gibt es auch Gespräche und Beratungsangebote für Kinder und Eltern. Die kommen nämlich auch, sei es, um bei der gespendeten Kinderkleidung nach etwas Brauchbarem zu suchen oder über das Basteln der Kinder ein Gespräch zu beginnen. Natürlich gibt es auch Eltern, die kein Interesse zeigen, aber einige erzählen uns mittlerweile, wo der Schuh drückt oder fragen um Rat, wie sie ihre Kinder besser unterstützen können. Die ersten 4 Kinder bzw. Jugendlichen  trauen sich nach einem Jahr, an ganz „normalen“ Freizeitangeboten teilzunehmen. Es wird eine echte Herausforderung an uns als Leitung, dass sie dort ankommen und merken, dass sie  obwohl ganz anders ganz „normal“ sind.

Fazit nach einem Jahr: Die Arbeit ist aufwändig, aber sie lohnt sich und sie ist nicht Barmherzigkeit, sondern Selbstzweck. Unsere Gemeinschaft kann es sich nicht leisten, die geistigen und emotionalen Fähigkeiten dieser Kinder ungenutzt versickern zu lassen.

Das Wichtigste, was wir ihnen anbieten können, sind
Menschen,
die da sind,zuhören,
Zeit haben, Geduld haben,
in die Auseinandersetzung gehen,
Konflikte gewaltfrei lösen,
zuverlässig sind,
Schutz anbieten,
Vertrauen aufbauen,
Spielen und Träumen lehren,
Lust auf Neues und Wachstum fördern,
zu Leistungen und Erfolgen anfeuern,
die in jedem Menschen das sehen, was er/sie sein könnte,
die Würde und Wertschätzungfordern und gewähren und Mitgefühl als Stärke vermitteln.
(und die Hoffnung als Teil ihres Gehaltes verstehen)

Solche Menschen brauchen einen festen Grund. Dafür kann man beten.

Die Ausbildung und Bereitstellung von Arbeitsplätzen solcher Menschen kostet Geld. Das sollten wir fordern.