6. Tagung der X. Landessynode der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen
vom 7. bis 10. April 2005 DS 2/14

Beschluss der Landessynode zum Schwerpunktthema

Die sozialen Herausforderungen der Gegenwart –Konsequenzen für die Kirche und ihre soziale Arbeit

Die Landessynode hat am 9. April 2005 auf Antrag des Ausschusses für soziale Fragen und Diakonie beschlossen: 

1.  Die Landessynode sieht die größten sozialen Herausforderungen für unsere Gesellschaft in den demographischen Veränderungen, in der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit und in der weiter auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich.

2. Deshalb begrüßt sie grundsätzlich den Reformwillen der politischen Verantwortungsträger und erwartet von den politischen Mandatsträgern, das Soziale in der sozialen Marktwirtschaft zu retten.

3.  Sie fordert auf Bundes- und Landesebene eine familien- und kinderfreundliche Politik. Es ist ein Skandal, dass Kinder ein Armutsrisiko darstellen. Die neue Sozialgesetzgebung muss insbesondere unter diesem Aspekt noch einmal überdacht und korrigiert werden.

4. Die Landessynode sieht viele ermutigende Beispiele des Engagements von Unternehmern in den Gemeinden und Kirchenkreisen. Sie erwartet von den kirchlichen Einrichtungen und Werken Angebote, dieses Engagement zu stärken. Die Landessynode fordert die Führungskräfte der Wirtschaft auf, die aus ihrer Stellung erwachsende Verantwortung für

soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft stärker wahrzunehmen.

5. Die Landessynode hält es für unerlässlich, dass Gesellschaft und insbesondere Kirche die Ursachen und Folgen von Armut und Ausgrenzung stärker in den Blick nehmen. Es ist nötig, sich für eine Politik zu engagieren, die Benachteiligungen entgegenwirkt und zu mehr Befähigungs- und Beteiligungsgerechtigkeit führt.

6. Sie ruft die Gemeinden, Kirchenkreise und Kirchenleitung auf, der sozialen Arbeit einen ebenso hohen Stellenwert zukommen zu lassen wie den anderen Feldern der Gemeindearbeit. Die Zukunft von Gemeinden wird zunehmend davon abhängen, wie es ihnen gelingt, sich den sozialen Herausforderungen vor Ort zu stellen. Dabei kommt dem Miteinander von Kirchgemeinde und diakonischer Einrichtung ebenso herausragende Bedeutung zu, wie der engen Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen.

7. Sie empfiehlt den Kirchenkreisen, sich in der sozialen Arbeit über Prioritäten zu verständigen. Dazu wird den Kirchenkreisen ein zur Synode vorgelegtes Impulspapier (DS 2/1) als Diskussionsgrundlage zur Verfügung gestellt. Grundsätzlich soll der Schwerpunkt auf gemeinde- und gemeinwesenorientierte diakonische Arbeit gelegt werden. Vor diesem Hintergrund betont die Landessynode die besondere Bedeutung der Kirchenkreissozialarbeit und wird sich auch künftig um eine angemessene Finanzausstattung bemühen.

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Die Landessynode hat am 9. April 2005 auf Antrag des Ausschusses für Katechetik und Jugendfragen beschlossen (DS 2/10): 

Angesichts der sozialen Herausforderungen der Gegenwart unterstreicht die Synode, dass die Offene und sozialdiakonische Arbeit ein unverzichtbarer Bestandteil der Arbeit unserer Landeskirche ist, der einen wichtigen, wachsenden und missionarischen Stellenwert hat.

Die Synode bittet die Kreissynoden und diakonischen Träger, die Einrichtungen der Offenen und sozialdiakonischen Arbeit mit ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen zu erhalten.

Die Synode beauftragt die Evangelische Jugend in Thüringen, eine Evaluation der Offenen und sozialdiakonischen Arbeit in der ELKTh durchzuführen. 

Begründung: 

 Der Abbau von Offenen und sozialdiakonischen Einrichtungen in der ELKTh ist besorgniserregend. Aufgrund der finanziellen Kürzungen und Unsicherheiten bei der gesetzlich vorgegebenen Förderung solcher Einrichtungen haben in der letzten Zeit kirchliche Träger solche Einrichtungen geschlossen bzw. planen dieses. Dabei werden u. E. die Möglichkeiten, die gesetzlich vorgesehen sind, bei entsprechenden Verhandlungen mit den Landkreisen und Kommunen nicht ausgeschöpft oder es kommt gar nicht erst zu solchen.
Schon von jeher hat die Offene und sozialdiakonische Arbeit mit ihrem missionarischen und sozialdiakonischen Auftrag als eine Konsequenz für die Kirche und ihre soziale Verantwortung einen hohen Stellenwert. 

  „Sie ist Verkündigung des Evangeliums durch die Tat und steht als solche gleichberechtigt neben der Verkündigung des Wortes. In beiden Gestalten, in Wort und Tat, kommt Gottes Liebe zu jedem einzelnen Menschen zum Ausdruck. 

Jesus Christus spricht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“

Offene Arbeit bietet Kindern und Jugendlichen, die aufgrund des familiären und gesellschaftlichen Kontextes zu wenig Unterstützung für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit erfahren, Räume, in denen sie sich angenommen fühlen und Orientierung wie auch ganz praktische Hilfe für ihr Leben finden können. Insofern geht es in der Offenen Arbeit um Unterstützung für ein gelingendes Leben, um eine für die Gesellschaft erkennbare Verbindung von Evangelium und der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen. 

Kirche nimmt hier soziale Verantwortung wahr und dies nicht selten dort, wo sich der Staat eben genau dieser Verantwortung entzogen hat und dabei ist, sich dieser Verantwortung zu entziehen. Auf dem Hintergrund der aktuell politischen Ereignisse in unserem Land wie der steigenden Sympathie für rechtsnationale Gedanken, der oft anzutreffenden Trostlosigkeit in besonders strukturschwachen Gebieten, dem Schließen der Schulen und Kindergärten und vieles andere mehr ist es Aufgabe kirchlicher Verkündigung, neben die Worte des Evangeliums auch die Taten der Nächstenliebe zu setzen. So spricht in der Annahme der Ruhelosen, der Suchenden und Gebückten Gottes Evangelium besonders zu der nachwachsenden Generation. 

Eine solche am Menschen orientierte Arbeit kostet Kraft, der wir uns um unserer Glaubwürdigkeit willen nicht entziehen dürfen. Dafür braucht es einen langen Atem  und die Bereitschaft, auch Durststrecken, finanzielle wie mentale, zu überwinden. Es steht uns als Kirche gut zu Gesicht, gegen den Strom politischer Entscheidungen eben nicht dort zu fehlen, wo Hilfe am nötigsten ist. Die Schließung von mehreren kirchlichen Einrichtungen in den vergangenen 12 Monaten hat nicht nur für die Kinder und Jugendlichen fatale Folgen.
Die Offene Arbeit ist ein wesentliches Samenkorn in der Saat auf Gottes Acker. Vor den Schwierigkeiten, die hier liegen, dürfen wir nicht die Augen verschließen, aber es sind Schwierigkeiten, die mit Phantasie, mit Vertrauen und letztlich auch durch einen gezielten Einsatz von personellen und finanziellen Ressourcen zu meistern sind. Wir werden  nicht umhin kommen, uns die Frage nach der Priorität dieser Arbeit zu stellen und diese dann auch zu beantworten.

Ich wünsche uns allen miteinander und den Mitarbeitenden in der Offenen Arbeit Kraft, Mut und Ausdauer für die nicht leichten, aber sehr lohnenden Wegstrecken in der Zukunft.“

(Zitat von Bischof Axel Noack (Vorwort zum Evaluationsbericht der Offenen Arbeit der KPS)

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DS 2/1

 Die sozialen Herausforderungen der Gegenwart – Konsequenzen für die Kirche und ihre soziale Arbeit
(Erklärung der Synode)

0.  Grundlegung

0.1  Die Kirche hat den Auftrag, in der Welt mit Wort und Tat das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes zu verkünden. Vor diesem Horizont nimmt sie Verantwortung für die Welt wahr, indem sie sich um Menschen in Not kümmert und sich für gerechte Verhältnisse einsetzt.

0.2 Sie muss deshalb die Wirklichkeit der Welt mit ihren Problemen aufmerksam wahrnehmen und nach Lösungsansätzen suchen, wie gesellschaftliche Strukturen und die Kultur des Zusammenlebens menschenwürdig gestaltet werden können. 

0.3 Sie bringt das biblische Bild vom Menschen in die jeweiligen politischen Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse ein.

0.4  Um Gottes und der Menschen willen warnt sie vor Fehlentwicklungen und wird dabei diesen kritischen Blick auch auf sich selbst gelten lassen.

0.5  Das eigene soziale Engagement vollzieht sich in der Schrittfolge: Sehen – Urteilen – Handeln....                                                

1

  Die sozialethische Aufgabe kann – mit den Worten der Satzung des Evangelisch-sozialen Kongresses von 1892 – wie folgt beschrieben werden: Es sind „die sozialen Zustände unseres Volkes vorurteilslos zu untersuchen, sie an dem Maßstabe der sittlichen und religiösen Forderungen des Evangeliums zu messen und diese selbst für das heutige Wirtschaftsleben fruchtbarer zu machen als bisher.“ Hier zitiert aus: Die Wurzeln der Sozialen Marktwirtschaft: ein Quellenband / hrsg. von Günter Brakelmann und Traugott Jähnichen, Gütersloh 1994.

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Im Februar 2006 beschloss sie weiterhin, dem Problem der wachsenden Armut von Kindern in unserer Kirche mehr Beachtung zu schenken:

Beschlussdrucksache 2/3:

Die Landessynode hat am 18.02.2006 auf Antrag des Ausschusses für soziale Fragen und Diakonie bei 1 Enthaltung beschlossen:

Die Landessynode nimmt den Diakoniebericht mit Dank zur Kenntnis. Sie versteht ihn als hilfreichen Impuls für eine jetzt zu führende notwendige Diskussion in Kirche und Gesellschaft, in der noch differenzierter und umfassender sowohl nach Ursachen von Armut in unserem Land als auch nach Hilfen und Wegen aus der Armut gefragt und gesucht werden muss.

Insbesondere ist in unserer Kirche dem Problem der wachsenden Armut von Kindern Beachtung zu schenken.

Die Landessynode bittet den Landeskirchenrat, den Bericht in geeigneter Weise zu veröffentlichen. Außerdem sollen sich die Kirchenkreise mit dem Thema befassen.

Die Landessynode bittet darum, im nächsten Diakoniebericht das Thema erneut aufzugreifen.