Inhalt:

Margot Honecker war der Anlass - 30 Jahre Friedensgebet in Erfurt

Friedensgebete und Fürbittgottesdienste in Thüringen

Friedensgebete für den "Sozialen Friedensdienst"

Friedensgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig

Die ersten Friedensgebete in der Nikolaikirche

Ironie der Geschichte oder Wunderbare Fügung - Die Wurzeln des Montags-Friedensgebetes in Leipzig 

Leipziger Legenden - Erinnerung an die Anfänge der Friedensgebete

Handeln statt beten (Der Spiegel 43/2009)

Kerzen und Gebete – Wurzeln der Freiheit

Die Friedensgebete und Fürbittgottesdienste in Thüringen

Das älteste Friedensgebet einer ökumenischen Gruppe gibt es seit 1978 in der katholischen Lorenzkirche Erfurt. Andere folgten bald, seit 1982 in der evangelischen Stadtkirche Meiningen bis hin zu 1988 in Heiligenstadt. Ursprünglich eine Antwort auf die Einführung des Wehrkundeunterrichts, kamen andere Anlässe der Militarisierung oder kriegerischer Konflikte in der Welt dazu. Im Laufe der Zeit wurden die Fürbittgottesdienste und Friedensgebete in der evangelischen Kirche zu Foren des öffentlichen Gesprächs. Da Kirchen in der DDR die einzigen öffentlichen Räume waren, in die der SED-Staat nicht unmittelbar eingreifen konnte, äußerten Bürger hier ihre Alltagssorgen, die oft politisch begründet waren. Auch Ausreisewillige hatten nur hier Gelegenheit, ihre Situation öffentlich anzusprechen.

Als sich im Oktober breite Bevölkerungsteile zum politischen Aufbegehren entschlossen, wurden die wöchentlichen Gottesdienste oder Friedensgebete zum Sammlungsort und Kristallisationskern der großen Massendemonstrationen. Mancherorts sammelten sich Hunderte und Tausende, so dass z.B. in Greiz vier Kirchen gleichzeitig Friedensgebete anboten.

Bei den Friedensgebete stellten sich die neuen Oppositionsbewegungen „Neues Forum“, „Demokratischer Aufbruch“, "Frauen für Veränderung" und andere an vielen Orten erstmals öffentlich vor.

Im November 1989 gab es die Friedensgebete auch in fast allen Kleinstädten und vielen Dörfern. In jedem Fall orientierten Wort und Lied auf Gewaltlosigkeit, so dass es eine Friedliche Revolution wurde.

Heidrun Senz (Niederdorla) am 4. Oktober in Weimar:

„Die Herder-Kirche war überfüllt. Vor den weitgeöffneten Fenstern standen wir lauschend in einer Menschenmenge. Die verschiedenen Gruppierungen stellten ihre Programme vor. 'Neues Forum', 'Demokratie jetzt', 'Demokratischer Aufbruch' und all die anderen waren vertreten. Es war faszinierend, wie die nächsten Treffen in Arbeitsgruppen schon organisiert wurden. Der 7. Oktober, der 40. Jahrestag der DDR, stand unmittelbar vor der Tür.“

Pfarrer Klaus Böhme aus Greiz erinnert sich an den 23. Oktober:

„Dann wühlte ich mich durch die Menschentrauben, die sich mit Kerzen vor der Kirche drängten, zur katholischen Kirche hindurch. Unterwegs kamen mir schon wieder andere entgegen, die auch dort keinen Platz gefunden hatten. Die Andacht war [in der katholischen Kirche] noch nicht beendet, als ein Hilferuf aus der Stadtkirche eintraf: ‚Kommen Sie zurück. Wir müssen die Andacht wiederholen.’ So geschah es denn für die, die zwei Stunden vor der Kirche ausgeharrt hatten.“

Dr. Aribert Rothe über die Erfurter Friedensgebete:

„Es waren ergreifende Andachten aus biblischen Lesungen, Lied und Gebet, Meditation und Information, Betroffenheit, Zorn und friedfertigem Gemeinschaftssinn. So wurde der Friedensruf 'Keine Gewalt!' zum harmonischen Grundton des Aufbegehrens. Danach vereinigten sich die kerzenerleuchteten Menschenzüge zum Marsch auf den Domplatz.“

Ilse Neumeister berichtete von einem Friedensgebet der Anfangzeit folgendes:

An einem kalten Februar-Donnerstag fanden sich neben ihr als "Vorbeterin" nur noch zwei weitere ältere Frauen ein. Sie fragte daraufhin, ob das Friedensgebet angesichts dessen ausfallen sollte. Eine der Damen antworte: "In der Bibel steht: wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen." Das Friedesgebet fand statt und ist bis heute nie ausgefallen.

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Margot Honecker war der Anlass - 30 Jahre Friedensgebet in Erfurt

Donnerstag, 04. Dezember 2008

Margot Honecker war der Anlass

über 30 Jahre Friedensgebet in Erfurt

Die Friedensgebete in Leipzig gelten als Ausgangspunkt der politischen Wende in Deutschland, ihre Tradition entstand jedoch etwa 150 Kilometer weiter - in Erfurt. Am 4. Dezember 2008 beging in der Erfurter Lorenzkirche der Ökumenische Friedensgebetskreis sein 30-jähriges Bestehen. Die gewaltlose Form des Protestes gegen das DDR-Regime wurde u.a. drei Jahre später in Leipzig aufgegriffen und leitete die friedliche Revolution im Herbst 1989 ein.

Anlass für die Erfurter Andachten war das rigorose Vorgehen von Margot Honecker, DDR-Ministerin für Volksbildung. Mit eiserner Hand setzte die Frau des DDR-Staats- und Parteichefs Erich Honecker die sozialistische Ideologie an Schulen und in Kindergärten durch. 1978 führte sie an allen Schulen den Wehrkunde-Unterricht ein. Das führte zu Protesten, vor allem von kirchlichen Gruppen.

"Hilflos und ohnmächtig"

"Die Menschen hat das damals sehr erschüttert", erinnert sich Karl Metzner, der als Pfarrer das Erfurter Friedensgebet bis heute begleitet. "Viele Eltern haben deswegen Briefe an Margot Honecker geschrieben, in denen sie gegen die Militarisierung der Schulen protestierten." Geholfen hat es nichts - im Gegenteil. "Die Mütter und Väter sind von der SED gemaßregelt worden", sagt Metzner. Seine Frau Ursula etwa sei zur SED-Bezirksleitung in Erfurt zitiert worden. "Sie wurde vergattert und musste sich für ihren Brief entschuldigen", erzählt der 81-Jährige.

"Wir fühlten uns völlig hilflos und ohnmächtig", beschreibt Ilse Neumeister die Situation. Die heute 76-Jährige hat zwei Kinder und war damals schon in der evangelischen Kirche aktiv. "Irgendwann wurde uns klar: Jetzt hilft nur noch beten." Der damalige Pfarrer der Erfurter Lorenzkirche, Karl Knapp, war es schließlich, der den zunächst etwa acht Müttern am Donnerstag der ersten Adventswoche 1978 die Türen zu seiner Kirche öffnete.

Von da an kamen sie regelmäßig in die Kirche am Erfurter Anger, immer donnerstags um 17.00 Uhr für eine halbe Stunde. "Im Gegensatz zu anderen Friedensgebeten, die von einem Pfarrer geleitet wurden, war es bei uns eine reine Laiengeschichte", erzählt Neumeister. "Unser Motto lautete: Wir hoffen auf das Unmögliche und wollen derweil das Mögliche tun." Die betenden Frauen waren schnell Stadtgespräch. Bald schlossen sich auch Männer an - und irgendwann kamen Jugendliche, Pfarrer, Priester und Pastoren hinzu. Während der Friedensdekaden wurde jeden Tag gebetet, bis Anfang der 90er Jahre sogar rund um die Uhr.

Ruhiger geworden

"Einer von uns war immer der Vorbeter und für das Friedensgebet verantwortlich", sagt Neumeister. Vorgegeben war das Vaterunser, der Inhalt der Fürbitte war jedem selbst überlassen. "In Leipzig waren sie eher auf politische Opposition aus. Wir haben dagegen nie gegen etwas gebetet." Anstatt gegen das Regime zu wettern, baten die Erfurter Friedensbeter Gott zum Beispiel um "Weisheit für Regierende". "Die haben sie ja dann irgendwie auch erlangt."

Als am 9. Oktober 1989 nach einem Friedensgebet in Leipzig mehrere 10.000 Menschen gegen das SED-Regime auf die Straße gingen, kam es nicht zu dem befürchteten Blutvergießen. Der Einsatzbefehl für rund 8000 bereitstehende Polizisten, Soldaten und Kampftruppen blieb aus. "In Erfurt kamen damals rund 5000 Menschen", erinnert sich Metzner. Sie mussten auf vier Kirchen verteilt werden.

Rund 20 Jahre nach der Wende ist es ruhiger geworden um die Friedensgebete. In Erfurt kommen wöchentlich noch rund 25 Menschen in die Lorenzkirche, die für das Ende der Konflikte in der Welt beten, etwa im Irak oder in Israel.

Die Beweggründe seien dieselben wie damals, sagt Wolfgang Geffe, Friedensbeauftragter der evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland. "Die Menschen kommen, um sich aus den gemeinsamen Gebeten Kraft zu holen. Um etwas zu verändern in dieser Welt."

aus: www.n-tv.de/panorama/dossier/30-Jahre-Friedensgebet-in-Erfurt

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Friedensgebete für den "Sozialen Friedensdienst"

Aus der Dresdner Initiative für einen "Sozialen Friedensdienst" entwickelte sich 1982 auch die Idee regelmäßiger Friedensgebete.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im Oktober 1981 ein Brief überall in der DDR. Die Forderung einer Initiatorengruppe aus der evangelischen Weinbergsgemeinde Dresden traf den Nerv der Zeit: "[...] Die Volkskammer möge beschließen: Als gleichberechtigte Alternative zum Wehr­dienst und Wehrersatzdienst wird ein ›Sozialer Friedensdienst (SoFd)‹ eingerichtet. Die Erfassung, Musterung und Einberufung dazu erfolgt dem Wehrdienst entsprechend. Das Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht vom 24.1.1962 ist dahingehend zu ändern."


Ein Zeitzeugenbericht von Roland Brauckmann, Heike Möbius, aus "Horch und Guck" Heft 46/2004  der ganze Artikel

Die Entwicklung regelmäßiger Friedensgebete
Als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber dem Staat beschloss deshalb das 3. überregionale Arbeitstreffen in Dresden am 28. - 30. Dezember 1981, zum Beispiel Arbeitseinsätze in staatlichen Alters- und Pflegeheimen. Der Lohn sollte für ein Warschauer Kinderkrankenhaus gespendet werden. Ein lange vorbereitetes "Friedensforum" in der Dresdner Kreuzkirche fand jedoch am 14. Februar 1982 statt, am 16. Mai das Friedensseminar Kö­nigswalde, am 27. Juni eine ›Friedenswerkstatt‹ in der Berliner Erlöserkirche. In Jena bildete sich eine "Frie­dens­gemeinschaft". Dadurch wurden umfangreiche Kontakte zum Austausch von Informationen zwischen den verschiedenen regionalen Friedenskreisen in der DDR   möglich. Spätere Bausoldaten in der Gruppe wie Friedemann Gehrt wirkten maßgeblich an der systematischen Vernetzung mit. Da eine weitere zentrale Koordinierung der nichtstaatlichen Friedenskreise aufgrund heftiger staat­licher und kirchlicher Reglementierung unmöglich schien, wurde von der Gruppe am 8. Februar 1982 erst­mals ein Konzept dezentraler Friedensgebete beschlossen. Dabei wurde festgelegt, weitere SoFd-Initiativen in Form von Friedensgebeten durchzuführen.13 In Großstädten der DDR sollten zeitgleich, wöchentlich am Samstagabend (später am Sonntag bzw. Montag), Frie­densgebete in zentral gelegenen Kirchen stattfinden. In Leipzig verwirklichten dies Heinz Bächer, Lutz Stellmacher, Joachim Döring und Günther Johannsen.14 Nach der Andacht sollte dann der Informationaustausch über Ereignisse und geplante Aktionen stattfinden. Jeder Friedenskreis hätte damit die Möglichkeit, Informationen durch einzelne Abgesandte – das MfS nannte sie in ihren Akten "Kuriere" – in eine andere Region weiterzugeben und von dort zu erhalten. Das Vorhaben sollte im Sommer 1982 über persönliche Kontakte zu Multiplikatoren, wie den Wittenberger Pfarrer Hans-Jürgen Tschiche15, verbreitet werden. Won­neberger selbst knüpfte enge Kontakte zum Berliner Pfarrer Rainer Eppelmann, der mit Robert Have­mann am 25. Januar 1982 mit der Unterschriftensamm­lung "Berliner Appell" gegen die Aufrüstung in der DDR angetreten war.16

Anmerkungen:

13    OV "Provokateur", MfS KD Dresden-Stadt, Auskunftsbericht zur Person W. vom 22.4.1982 S. 12; ebenso in Uwe Schwabe, Symbol der Befreiung. Die Friedensgebete in Leipzig. Horch und Guck, Heft 23, 1998, S. 1 – 22.
14    Neubert, Ehrhart: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989. Bonn 1997, S. 389-395 und 415-416 sowie S. Bickhardt, Gerd Poppe, Edelbert Richter, Hans-Jürgen Tschiche: "Spuren – Zur Geschichte der Friedensbewegung in der DDR" (Samisdat, Berlin Feb. 1988): "Schon Anfang 1981 hatte Wonneberger die Vorstellung, in mehreren Städten der DDR Friedensgebete einzurichten. Als sich nun die SoFd-Initiative mit dem großen Ostertreffen 1982 Treffen nicht realisieren ließ, projektierte er dezentrale Friedensgebete in den großen Städten der DDR."
15    "Wonneberger und Tschiche waren sich einig, daß die Bildung von ›Frieden konkret‹ gleichzusetzen sei mit der Bildung der ›Bekennenden Kirche‹ während der Zeit des Faschismus." OV "Provokateur", Bd. 2, S. 93.
16    Bis April 1982 deponierte Eppelmann 500 Unterschriften "an einem sicheren Ort". Nach der Veröffentlichung des Berliner Appell in der Frankfurter Rundschau am 9. Februar 1982 wurde er 48 Stunden festgehalten; Wonneberger ebenfalls am 14. Februar 1982 nach der Verlesung des Appells im Gottesdienst.

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Friedensgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig

Die berühmten Leipziger Montagsdemonstrationen haben ihren Ursprung in der unabhängigen DDR-Friedensbewegung deren Wurzeln bis in die 1960er Jahre zurückgehen, in die Zeit nach Einführung der Wehrpflicht 1962 und die Möglichkeit des Dienstes bei den Bausoldaten.

Die Friedensgebete in Leipzig entstehen auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung und die Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" und im Zusammenhang mit den Friedensdekaden. Die Junge Gemeinde um den Diakon Günther Johannsen organisiert im Oktober 1982 die ersten Friedensgebete, seit Dezember 1982 finden Sie jeden Montag in der Leipziger Nikolaikirche statt.

Vorher gab es in Leipzig vereinzelt Friedensgebete und Friedensandachten, in der ganzen DDR zu den seit 1980 stattfindenden "FriedensDekaden" im November. In Erfurt fand seit der Einfürurng des "Wehrkundeunterrichtes" als Schulpflichtfach im Herbst 1978, iniziiert von Müttern wöchentlich donnerstags ein "Friedensgebet statt, inspiriert von Friedensseminaren, Friedensgottesdiensten und auch von den "politischen Nachtgebeten" um die bundesdeutsche Theologin Dorothee Sölle.

Durch die stärkere politische Ausrichtung der Gruppen und den Zustrom von Ausreisewilligen werden die Friedensgebete ab Mitte der 1980er Jahre zu Veranstaltungen, die immer mehr Öffentlichkeit über die Kirche hinaus erlangen. Die Folge: Verhaftungen und steigender Druck des Staates auf die Kirchenleitung. Ab September 1988 gibt die Leipziger Kirchenleitung dem Druck nach und untersagt den unabhängigen Gruppen die inhaltliche Gestaltung der Friedensgebete ohne die "Leitung" durch einen ordinierten Pfarrer.

Es sind die Montage, die in der DDR Geschichte schreiben

Diese Regelung führt in den folgenden Wochen immer wieder zu Tumulten bei den Gottesdiensten, bis sie im Frühjahr 1989 wieder aufgehoben wird. Die Leipziger Gruppen Initiativgruppe Leben, Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Umweltschutz und Arbeitskreis Solidarische Kirche schreiben einen offenen Brief an den Landesbischof Johannes Hempel, in dem sie sich heftig gegen den Versuch auflehnen, die Friedensgebete zu entpolitisieren. Rainer Müller und Uwe Schwabe sind auf dem Bild oben mit ihren Protestplakaten gegen dieses Redeverbot zu sehen.

Die kritische politische Prägung der Friedensgebete geht auch von den vielen jugendlichen Teilnehmern der Leipziger Basisgruppen aus. Sie sind es, die die ersten Montagsdemonstrationen mit noch wenigen Beteiligten anführen.

Unmittelbar nach der Fälschung der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 organisieren Leipziger Gruppen eine Demonstration, an der rund 600 Menschen teilnehmen. Am kommenden Tag wird während des Friedensgebets in der Nikolaikirche erstmals ein Polizeikessel um die Kirche gebildet.

Der Landesbischof Johannes Hempel fordert erneut eine Einschränkung der Friedensgebete, doch der Druck von kirchlichen Basisgruppen und Pastoren ist so stark, dass sich der Bischof innerhalb der Kirche nicht mehr durchsetzen kann.

Die Veranstaltungen werden nun als Montagsgebete bezeichnet und die anschließenden Demos als Montagsdemonstrationen. Gerade die politische Ausrichtung der Friedensgebete macht die Leipziger Andachten so populär. Schnell ist Montag für Montag das Kirchenschiff der Nikolaikirche mit Besuchern überfüllt. Die verschiedenen oppositionellen Strömungen finden hier einen gemeinsamen Raum und eine wenn auch noch kleine Öffentlichkeit. Schnell verbreitet sich im ganzen Land der Ruf der Leipziger Friedensgebete. Die Montagsgebete und -demonstrationen tragen den Protest gut sichtbar auf die Straße und in die Gesellschaft hinein. Damit läuten sie das Ende der DDR ein.

„Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“, „Wir sind das Volk!“

Die erste Montagsdemonstration am 4. September 1989 wird von westlichen Medien begleitet. Deren Anwesenheit verhindert, dass öffentlich Verhaftungen stattfinden. Doch schon in der kommenden Woche, am 11. September 1989, schlagen Polizei und Stasi wieder hart zu. Vor allem junge Menschen gehen auf die Straße. Landesbischof Johannes Hempel berichtet auf einer Synode in Erfurt am 15. September 1989 über diese Demonstration und die Festnahmen und fragt rhetorisch: „Was geht in den Jugendlichen vor, was bleibt in ihnen zurück, wenn sie so behandelt werden? Was sind das für Bürger der Zukunft? Auch in den offensichtlich sehr jungen Bereitschaftssoldaten, die doch, soweit ich weiß, Wehrpflichtige sind und die jetzt in Kette vorgehen gegen fast Gleichaltrige? Was geht in denen vor?“

Anfang September 1989 ändert sich auch die Zielvorstellung der Demonstrationen. Während vor dem Sommer noch viele Ausreisewillige unter dem Ruf „Wir wollen raus!“ zu den Friedensgebeten erscheinen, sind es in den ersten Septemberwochen vor allem die Angehörigen von Oppositionsgruppen, die nicht mehr vor den Zuständen in der DDR fliehen wollen. Sie wollen die Republik verändern und skandieren jetzt, sehr zum Schrecken der DDR-Führung, „Wir bleiben hier!“.

Die DDR-Opposition nutzt die Westmedien ganz bewusst zur Bekanntmachung der Leipziger Proteste. Die Verbreitung der Leipzig-Nachrichten in der ganzen DDR spielt in den kommenden Wochen eine besonders wichtige Rolle. (Im Interview berichtet der damals 26-jährige Aram Radomski, wie es ihm zusammen mit Siegbert Schefke auf abenteuerliche Weise gelingt, trotz Stasi-Verfolgung eine Montagsdemonstration mit der Kamera aufzuzeichnen und das Video in den Westen zu schmuggeln.)

An den Protestdemonstrationen, die ab dem 4. September 1989 regelmäßig jeden Montag stattfinden, nehmen im Oktober bereits Zehntausende Menschen teil. Ihr Ruf „Wir sind das Volk!“ wird zum wichtigsten Slogan der Revolution – bis er im November 1989 nach dem Fall der Mauer durch den Ruf „Wir sind ein Volk!“ abgelöst wird.

(aus Wikipedia, überarbeitet von Matthias Sengewald)

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Ironie der Geschichte oder Wunderbare Fügung - Die Wurzeln des Montags-Friedensgebetes in Leipzig

Von Günter Johannsen

Zur Entstehung des Montags-Friedensgebetes in der Leipziger Nikolaikirche wurde bisher wenig Zutreffendes, stattdessen vielfältiger Unsinn berichtet.
Im Zusammenhang mit den Festlichkeiten und Ehrungen zum 20. Jahrestag der ´Friedlichen Revolution´ fanden sich plötzlich immer mehr Leute, die sich Idee und Gründung des montäglichen Friedensgebetes als ihr Verdienst zu gute hielten. Ich habe mich selbst lange in Zurückhaltung geübt und aus dem Abstand heraus (ich lebe und arbeite jetzt in München) diese merkwürdige Entwicklung beobachtet. Nun, da zu befürchten ist, dass die Stasi selbst sich zuletzt noch zum Gründer und Betreiber der Friedensgebete aufschwingt, bleibt mir keine Wahl, als selbst authentisch zu berichten, wie – weshalb – warum diese anfangs kleine Veranstaltung Montags-Friedensgebet mit den großen Folgen tatsächlich entstand.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: ich will die Verdienste der geehrten und ausgezeichneten Persönlichkeiten keinesfalls schmälern. Dennoch ist es jetzt an der Zeit, irreführende Legendenbildung zu beenden.

Im Jahr 1982 war ich Jugenddiakon im Leipziger Kirchenbezirk-Ost: den Kirchgemeinden Probstheida, Liebertwolkwitz, Störmthal und Großpösna. In der Gemeinde Leipzig-Probstheida fand ich eine sehr spezielle Situation vor. Durch die von Pfarrer Rausch betriebene Gemeindespaltung im Jahr 1955 hatte die offizielle Evangelische Kirchgemeinde keine Kirche und auch kein Gemeindehaus mehr (Kirche und Gemeindehaus waren von Pfarrer Rausch und einer Handvoll Anhänger besetzt), sondern zunächst nur einen käuflich erworbenen Zirkuswagen, später dann – zu meiner Zeit – eine angemietete 2-Raum-Wohnung in der Russenstraße 11. In dem einen Raum dieser Wohnung befand sich das Gemeinde-Archiv mit den Akten, im anderen Raum fanden alle Veranstaltungen statt: Gottesdienste an den Sonntagen, donnerstags 19 Uhr die „Junge Gemeinde“ (JG), dienstags 19 Uhr der Bibelkreis für Senioren, an den Nachmittagen die Christenlehre und werktags-vormittags die Sprechzeiten der Verwaltung usw.

Am Rande bemerkt: Bei der Gemeindespaltung in Probstheida hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) keine unbedeutende Rolle gespielt, wie sich nach der Wende herausstellte. Pfarrer Rausch wurde seit Anfang 1955 von der Stasi als Inoffizieller Mitarbeiter „IM-Eduard“ geführt! 

Idee und Entstehung des Montags-Friedensgebets ist eigentlich einer peinlichen Panne zu verdanken!
Aus besagter Raumnot in der Russenstraße 11 konnte natürlich an jedem Wochenabend nur eine Veranstaltung stattfinden. Wie es „Gottes Ratschluss“, oder (vielleicht ehrlicher gesagt) mein jugendlicher Leichtsinn wollte, standen durch meine unvorsichtige Terminverlegung an einem Dienstag-Abend zwei sehr unterschiedliche Gruppen vor dem einen Gemeinderaum und begehrten Einlass: die Junge Gemeinde einerseits (15 – 19 Jährige), der Bibelkreis andererseits (ab ca. 60 Jahre bis ….).
Aus der Not eine Tugend machend, beschlossen wir – die Alten und die Jungen – einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch zu aktuell-politischen Fragen.
Die aktuell-politische Frage der Alten war: warum provoziert die Jugend mit den Aufnähern „Schwerter zu Pflugscharen“ den DDR-Staat und riskiert damit einen Karriere-Abbruch und Schlimmeres (Verfolgung & Haftstrafen).
Die zusammengefasste Antwort der Jugend darauf: der DDR-Staat wird zunehmend militanter – in den Schulklassen wird innerhalb des sogenannten Wehrkunde-unterrichts massiv für freiwillige Dienstverpflichtung (3 bzw. 10 Jahre) geworben. Oft ist ohne Verpflichtung zur Nationalen Volksarmee (NVA) Abitur und Studium nicht mehr möglich! Wir wollen Zeichen dagegen setzen mit diesen Schwerter-zu-Pflugscharen-Aufnähern.

Als Ergebnis einer langen und lebhaften Diskussion an diesem Abend stand die Idee: Denken, Handeln und Beten für den Frieden! Ein Friedensgebet soll es sein…. es soll viele Menschen erreichen….es soll regelmäßig zum gleichen Zeitpunkt stattfinden…informativ und deutlich sein….an einem zentralen Ort…..offen für alle….alle werden zum Denken, Handeln und Beten für den Frieden eingeladen!
Damit war gleichermaßen auch die innere Struktur des Friedensgebetes vorgezeichnet!
Schnell war die Niklolai-Kirche mit ihrer zentralen Lage als Örtlichkeit ausgemacht und der Montag als erster Arbeitstag nach dem Wochenende. Der Zeitpunkt 17 Uhr sollte den Geschäftsleuten und Werktätigen in der Innenstadt nach Arbeitsschluss die Möglichkeit geben, am Friedensgebet teilzunehmen. Damit sollte eine breitere Öffentlichkeit geschaffen werden.

Die vom Landesjugendamt Dresden organisierte Friedensdekade (10 Tage Denken und Beten für den Frieden) war eben gerade zu Ende. Aber sollten die Gebete für den Frieden auf die aus Dresden „zentral abgesegneten 10 Tage“ reduziert bleiben?
Superintendent Friedrich Magirius zeigte sich für unser Ansinnen offen, – und er fand einen Weg für unser Friedensgebet in die Nikolai-Kirche. Der damalige Kirchenvorstand unter Vorsitz von Pfarrer Führer hatte viele kritische Fragen und öffnete uns dann doch die „Nikolai-Tore“ unter dem starken Eindruck der Schirmherrschaft des Superintendenten. Ich empfand diese „Öffnung“ jedoch eher als eine Duldung durch den Nikolai-Kirchenvorstand!

So begannen wir, der „engste Kreis“ der Probstheidaer Jungen Gemeinde, das Friedensgebet zwei Wochen nach der Friedensdekade Ende November 1982 als Dauereinrichtung „Montags-Friedensgebet“ durchzuführen.
„Das Friedensgebet geht weiter – jeden Montag 17 Uhr in der Nikolaikirche“, stand auf dem geormigten Einladungs-Handzettel, der an alle Kirchgemeinden geschickt wurde, – unterzeichnet von Olaf Müller, einem ehrenamtlichen Mitarbeiter, von mir selbst und Hans-Jochaim Döring, einem Kollegen der Thomas-Kirchgemeinde.
Die Beteiligung an den ersten Friedensgebeten war für uns sehr ernüchternd: am ersten Montag sieben, am zweiten Montag elf, am dritten Montag dreizehn Teilnehmer!
Und dennoch! „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter euch“, steht im Matthäus-Evangelium 20, 18. Das heißt doch: lasst Euch nicht entmutigen!
Wir verstärkten unsere Werbung (im damals sehr begrenzten Rahmen).
André Steidtmann, ein Jugendlicher aus Probstheida, malte das Plakat „Schwerter zu Pflugscharen“, was heute noch hinter Glas (als historisch wertvoll) in der Nikolai-Kirche zu sehen ist.
Nach und nach füllte sich montags das Kirchenschiff in St. Nikolai.
Die Beteiligung, auch die der Stasi, nahm stetig zu. Auch boten mehr und mehr Junge Gemeinden der Stadt Leipzig ihre Mithilfe an. Zunehmend engagierten sich auch Mitlgieder der "Basisgruppen" in Leipzig.

Gelegentlich ermahnte uns der Kirchenvorstand von St. Nikolai, weniger provozierende Texte in den Friedensgebeten zu verwenden. Auch seitens des Stadtjugendpfarramtes und Jugendpfarrer Gröger war wenig Anteilnahme oder gar Unterstützung zu spüren. Doch immer wieder hielt Superintendent Magirius schützend und schirmend seine Hände über uns.
Allerdings ließ die Stasi mich und andere Friedensgebets-Akteure in Abständen durch „kleine Zeichen“ (geöffnete Briefe; „unauffällige“ Leute vorm Haus, Vorladungen zur „Klärung eines Sachverhalts“ etc.) wissen, dass sie uns in ihrem alles durchdringenden Blick haben.
Doch dies hatte für mich persönlich seinen Schrecken verloren durch meine unschönen Begegnungen im Jahre 1968 (12 Stunden Verhör bei der Stasi und sechs Wochen Stasi-Haft) mit diesen „feinen Herrschaften“ im Zusammenhang mit der Sprengung der Universitätskirche.

Bis zu meinem Wechsel in die Evangelischen Kirchenkreis Bad Freienwalde im Jahr 1984 steigerte sich nicht nur die Intensität der Friedensgebete, sondern auch die Zahl der Teilnehmer.
Ein ehrenamtlicher Mitarbeiterkreis aus verschiedenen Jungen Gemeinden der Stadt Leipzig führte unter der Leitung von Joachim Förster (ehrenamtlicher Mitarbeiter der Philippus-Gemeinde) die Friedensgebete weiter bis zur Übernahme von hauptamtlichen Mitarbeitern der evangelischen Kirche, u.a. Pfarrer Führer.

Im Rückblick erscheint die Geschichte des Friedensgebetes je nach Blickwinkel dem Einen als „Ironie der Geschichte“, dem Anderen als „Gottes wunderbare Fügung“: Am Ort der ersten Kirchenspaltung auf Betreiben des SED-Regiems unter Federführung der Stasi begann auch das Ende eben dieses SED-Regiems!

Noch eines sei nachzutragen:
Wir hauptamtliche Mitarbeiter der Kirche waren damals in gewisser Weise vogelfrei. Wir hatten nicht all zu viel zu verlieren. Wir waren die Mindestverdiener dieses Landes DDR (mein Anfangsgehalt als Diakon war 350,- M monatlich), unsere Karriere konnte der Staat nicht beschneiden, wir hatten den relativen Schutz durch eine Öffentlichkeit im Westen (Westfernsehen).
Die eigentlich tapferen Leipziger Helden, deren Ehrung nach wie vor aussteht (!), waren die Jugendlichen damals: Schüler, Abiturienten, Studenten – die mit ihrem Protest und ihrer Beteiligung an den Friedensgebeten alles riskierten (viele von ihnen hat es auch schwer getroffen), denn sie waren existenziell abhängig von diesem DDR-Regiem!

Günter Johannsen
Diakon
Diplom-Sozialpädagoge (FH)

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Die ersten Friedensgebete in der Nikolaikirche

eine detaillierte Information von Christian Führer

Ich bin mit meiner Familie am 5. November 1980 in die Pfarrwohnung Nikolaikirchhof 3 eingezogen. Mein Dienstbeginn war Montag, der 13. Oktober 1980.
A)
1. Am Herbstbußtag, 19. XI. 1980, hielt ich eine "Friedensminute" von 13.00 bis
13.15 h in der Nordkapelle, an der 48 Studenten der ESG mit Studentenpfarrer
Ziebarth, der den Abschluss übernahm, teilnahmen.

2. 1981 bekam das Pfarramt Materialien zur Friedensdekade 1981 vom
Landesjugendpfarramt Dresden (Landesjugendpfarrer Harald Bretschneider)
zugeschickt. So war die Grundlage gegeben, die Friedensdekade einzuführen,
vom 8.XI. bis zum 18.XI. 1981.

3. Vom 8.XI bis zum 17.XI. hielt ich täglich nach der Ordnung des Friedensdekadefaltblatts um 17.45h - 18.00 h (Abendläuten) ein Friedensgebet
im Altarraum der Nikolaikirche. Nur an den beiden Sonntagen, 8. und 15.XI., fand das Friedensgebet wegen des katholischen Gottesdienstes in der Katechetenkapelle (heute Johanniskapelle, Sakristei) statt, Zugang über Eingang D. Über die Teilnehmerzahl habe ich nichts notiert.

4. Am Herbstbußtag, dem 18. November, gab es beim Mittagsläuten um 12 h die
Friedensminute (der Bußtag war kein staatlich anerkannter Feiertag).
Um 19.30 h gestalteten Stadtjugendpfarrer Wolfgang Gröger und ich einen
"Jugendgottesdienst mit Gemeinde" als Bittgottesdienst für den Frieden.
Er war mit etwa 800 Personen erstaunlich gut besucht.
Daran anschließend fand die beeindruckende Kreuz- und Kerzenmeditation im
Altarraum statt, an der sich etwa 130 Jugendliche mit bewegenden Zeugnissen der Betroffenheit beteiligten.
Weil mich dieses Geschehen sehr stark berührt hat, habe ich in den
Kirchenführungen und Darstellungen diesen Teil des Bußtagsabends besonders,
ja ausschließlich hervorgehoben.
Sichtbares Zeichen dieses Abends ist das Holzkreuz (für diesen Abend eigens
hergestellt), das heute rechts neben dem Hochaltar als bleibende Erinnerung an diese ersten Friedensgebete in der Nikolaikirche, besonders an diesen
Herbstbußtagabend, steht.
Der heutige Nikolaiküster Matthias Müller war seit 1981 in der Jungen Gemeinde
St. Nikolai und hat an einigen dieser Friedensgebete teilgenommen.

5. Hinweisen möchte ich noch auf Friedensgebete 1978 in Erfurt (aussagefähig dazu
der ehemalige Jugendpfarrer Christian Trappe, heute Eisenach) und den Sozialen
Friedensdienst in Dresden durch Pfarrer Christoph Wonneberger, die wie wir
zunächst regional und eigenständig waren.
Impulsgeber und Anstoß für die Friedensgebete in der Nikolaikirche Leipzig war
ausschließlich die deutschlandweite Friedensdekade.

B)
1. Am 7. März 1982 wurde F. Magirius als 1. Pfarrer der Nikolaikirche und
Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig Ost in der Nikolaikirche in sein Amt
eingeführt.

2. Am 1. April 1982 bin ich zum Vorsitzenden des Kirchenvorstandes gewählt
worden.

3. Jugendliche der Jungen Gemeinde Probstheida mit ihrem Diakon Günter
Johannsen, unterstützt vom Jugendwart der Thomaskirche, Hans-Joachim Döring, wandten sich persönlich an Superintendent F. Magirius und äußerten den Wunsch, sich auch außerhalb der Friedensdekaden zu engagieren und Friedensgebete durchzuführen.

4.In der Sitzung am 24. Mai 1982 wurde der Beschluss gefasst:
"Der Kirchenvorstand stellt die Kirche (=Nikolaikirche) während der Öffnungszeiten der Kirche für einzelne Jugendgruppen aus den Randgemeinden zu Gebetszeiten zur Verfügung."

5. Der Kirchenvorstand St. Nikolai - St. Johannis beschloss daraufhin, ihnen die
Nikolaikirche zu "Gebetszeiten" zur Verfügung zu stellen. Ein Beschluss mit
weitreichenden Folgen! .
So finden seit dem 20. September 1982 entsprechend dieses Beschlusses
die Friedensgebete wöchentlich montags um 17 h ohne Unterbrechung bis heute statt.
Das erste Friedensgebet außerhalb der Friedensdekade am 20.September 1982
wurde von der Jungen Gemeinde Probstheida mit Günter Johannsen durchgeführt.
Das Friedensgebet am Montag darauf, 27. September, wurde von Hans-Joachim
Döring mit der Jungen Gemeinde der Thomaskirche gestaltet.
Montag, 14. September 2009, Pfarrer em. C. Führer

Leipziger Legenden - Erinnerungen an die Anfänge der Friedensgebete am Montag in St. Nikolai zu Leipzig

Von Hans-Joachim Döring

Montagsalarm im Politbüro - Erinnerungen an die Anfänge der Friedensgebete in St. Nikolai zu Leipzig

Leipziger Bürger, wie stolz das klingt. Also Leipziger Bürgerinnen und Bürger sandten mir unlängst Zeitungsausschnitte. Ihr Erscheinen liegt schon etwas länger zurück, die Aktualität hält aber an. Es geht um die legendären Leipziger Friedensgebete und ihre Entstehungsgeschichte. Die Leipziger Bürger hatten einige Stellen angestrichen. Unter anderem: "Anfangs waren die Friedensgebete nur kleine Winkelveranstaltungen, regelmäßig am Montag 17.00 Uhr, getragen von der Jungen Gemeinde". Diese Zeilen würden den Rückblick verzerren, meinten sie, im erinnerungsträchtigen Herbst 1999. Sie baten um Erinnerung, ich sei ja dabei gewesen. Zwischen 1980 und 1985 arbeitete ich an der St. Thomas-Kirche und im Jugendpfarramt der Messestadt. Wie kam die "Heldenstadt" Leipzig zu ihrem "alles ins Wanken" bringenden Friedensgebet?

Zu den ersten, spätere Geschichte mit bestimmenden, Friedensgebeten der DDR luden Frauen schon im Dezember 1978 in die Erfurter Lorenzkirche ein. Sie wollten ihren Protest über den von der SED-Führung verordneten für alle Schüler obligatorischen "Wehrkundeunterricht" zum Ausdruck bringen. Und im Frühjahr 1981 ging von der Dresdener Weinbergsgemeinde die Initiative "Sozialer Friedensdienst" (Sofd) aus, welche ein DDR-weites Netz von Friedensgebeten als Kommunikations- und Solidarisierungsprozeß angeregt hatte. In den Jahren zwischen 1975 und 1982 gab es mitten im "KSZE-befriedeten" Europa einen gewissen Abschwung des kalten Krieges und fast parallel dazu begannen Hochrüstung und Raketenstationierungen in Ost und West. Diese eigentlich gegenläufigen Vorgänge führten zu mehr Selbstbewußtsein der Bürger und zu Protesten. Das war mit einer Vielzahl von Aufbrüchen in ost- und westeuropäischen Staaten und Städten verbunden. Der Kontinent kam nach und nach in Bewegung. Nur drei Stichworte sollen genügen: Es bildeten sich in dieser Zeit die Prager Charta 77, die oppositionelle polnische Arbeiterbewegung "Solidarnosc" um Lech Walesa und die westdeutsche Friedensbewegung heraus. In diesen Zeitabschnitt lassen sich die dezentralen Friedensgebete in der DDR einordnen. Verdeckte Unruhe herrschte auch in der DDR und die Risse im SED-Staat wurden immer sichtbarer. Vielfältige und spontane Formen individueller und öffentlicher Verständigung versuchte seit 1980 auch die "Friedensdekade" in den Evangelischen Kirchen zu bündeln und zu verstärken. Diese Friedensdekaden waren von der Evangelischen Jugendarbeit angeregt worden. Die Kirchenleitungen hatten für einen begrenzten Zeitraum bei den staatlichen Stellen eine Duldung erlangt. Zehn Tage im November, einer unattraktiven "Sauren Gurkenzeit" im Kirchenjahr, wurden nun der Diskussion vor allem politischer und sozialethischer Fragen und auch dem Protest gewidmet. Zu den Friedensdekaden gab es gemeinsames, Identität stiftendes Material.
Die Friedensdekade wurde zum Ausdruck des Drängens auf gesellschaftliche Mitsprache der Basisgruppen und von Teilen der Kirche. Zehn Tage, jeweils bis zum Herbstbußtag, luden in vielen Städten und Dörfern die Glocken meist um 18 Uhr zu den abwechslungsreich gestalteten Friedensgebeten ein. Die Friedensgebete waren oft die markantesten aber nicht die einzigen Veranstaltungen der Dekaden. Auch durch die Verbreitung des Aufnähers "Schwerter zu Pflugscharen" konnte Öffentlichkeit jenseits der kirchlichen Räume erreicht werden. So auch in Leipzig. In den Schulen wurden die Aufnäher verboten. Direktoren bedrohten die Schüler. Die älteren, sozusagen die "normalen" Glieder der Kirchgemeinden, standen diesen Vorgängen eher erstaunt bzw. irritiert gegenüber. Die Jugendlichen hingegen forderten Diskussionen über aktuelle Themen und diskutierten zu dieser Zeit heftig. Sie waren wachsinnig angesichts der außen- und innenpolitischen Bedrohung und verknüpften diese mit ihrem Alltag. Hier vor allem ist der Ursprung und Ort der Friedensgebete zu sehen. Kirchliche Mitarbeiter haben dies aufgenommen oder dem nachgegeben. Das besondere der Leipziger Friedensgebete war nicht ihre "Existenz" an sich oder gar deren Erfindung sondern ihr Fortführen außerhalb des zunächst vorgesehenen Rahmens der zehn Tage im Herbst und die Kontinuität bis 1989.

Ein auslösendes "Vorkommnis" führte vor allem zu den Leipziger Friedensgebeten jenseits der Dekade. Anfang September 1982 geschah in der Evangelischen Gemeinde von Probstheida folgende Episode: In dem Büro- und Versammlungsraum der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in der Russenstraße begegneten sich zufällig der Bibelkreis, vor allem Rentnerinnen, und eine Gruppe der Jungen Gemeinde. Terminüberschneidung. Beide Seiten waren überrascht. Da man nun mal zusammen war, sprach man auch miteinander. Vor allem die älteren Frauen fragten nach den Belangen der Jugend. Ganz konkret fragten sie nach den "Schwerter-Aufnähern". Sie hatten ja so manches gehört und verstanden nur schwer, warum die Jugend immer diesen Ärger mit dem Staat hatte. Das Gespräch wurde lebhaft. Die Jugendlichen erzählten, aus der Schule, vom Wehrkundeunterricht, der Friedensdekade, dem "sich verpflichten müssen, fürs Militär" wegen eines Studienplatzes usw. usw. Die älteren Frauen waren erstaunt, dankbar und empört. Sie schimpften: "Warum hat uns das denn keiner gesagt?" Und ermutigten: "Das müßt ihr immer wieder erzählen, damit wir euch verstehen können." Diese Aufforderung traf bei Günter Johannsen, dem pädagogischen Mitarbeiter der Gemeinde auf offene Ohren. Schon länger hatte er sich mit dem Gedanken getragen, Veranstaltungen vergleichbar den herbstlichen Friedensgebeten über das gesamte Jahr hinweg durchzuführen. Günter Johannson und Olaf Müller, ein junger Mann, damals ein engagiertes Mitglied der Jungen Gemeinde, wandten sich an Friedrich Magirius, dem für Porbstheida zuständigen Superintendenten in Leipzig-Ost und einer der Pfarrer an St. Nikolai. Vorgetragen wurde der Wunsch eines wöchentlichen Friedensgebetes. Die Ängste der Jugend sollte es aufnehmen und über Zusammenhänge informieren. Ein Angebot -gerade für der Kirche fern Stehende- sollte es sein. Die beiden Initiatoren sprachen auch mich an und baten um Mitarbeit. Magirius reagierte erst zurückhaltend, doch bald öffnete er sich der Idee. "Dann macht es bis zur Friedensdekade im November", meinte er. Wir wollten das wöchentliche Gebet in der Nikolai-Kirche, der "Jugendkirche" in der Leipziger City halten. Der Kirchenvorstand von St. Nikolai zögerte. Es sei noch keine Friedensdekade, wurde eingewandt und wer trägt die Verantwortung. Es gab Zurückhaltung der Mitarbeiter und des Kirchenvorstandes von St. Nikolai gegenüber einer "vorfristigen Aufnahme" der Friedensgebete. Lutherische Gemeinden können sehr selbständig sein. Die Thomaskirche wurde erwogen, durch die Grabstätte von Johann Sebastian Bach aber als zu "protokollarisch" angesehen. Im Jugendpfarramt war man froh, daß die Friedensdekade noch weit weg war. Es meldete: Kein Bedarf! Ende September 1982 war dann alles geklärt. Superintendent Magirius hatte ein zeitweises "O.K." für die Gebete erwirkt. Der erste Aufruf mit der Einladung zum "Friedensgebet in der Nikolaikirche" wurde verfaßt, auf Ormig, das lilablaue Vervielfältigungspapier geschrieben (Auflage pro Matritze maximal 150 Blatt) und auf dem Vervielfältigungsgerät der Jungen Gemeinde von St. Thomas und Matthai abgezogen. Dieser erste Aufruf trägt die Unterschriften von Günter Johannsen, Olaf Müller und dem Autor. Das noch heute im Informationsfenster der St. Nikolaikirche zum Friedensgebet einladende große Plakat mit dem "Schwerter-zu-Pflug-Schmied" und dem Regenbogen wurde von André Steidtmann aus der Jungen Gemeinde Probstheida gestaltet. So begannen in der ersten Oktobertagen 1982 die Leipziger Friedensgebete am Montag. Vom 07. bis zum 17. November des Jahres fanden dann Abend für Abend die gut besuchten und in vielfältigen Formen gestalteten stadtweiten Friedensgebete in St. Nikolai und in weiteren Kirchen der Messestadt statt. In meiner Erinnerung war ein weiteres "Vorkommnis" für die Fortführung der Friedensgebete nach der Dekade von einer gewissen Bedeutung: Am Totensonntag, nach dem letzten "offiziellen" Friedensgebet, räumte die Bereitschaftspolizei der Messestadt auf brutale Weise ein von Punks bewohntes, ursprünglich leerstehendes Haus in der Brüderstraße. Einige Punks wurden ohne Haftbefehl festgehalten und verhört. Nicht inhaftierte Punks wandten sich an die Initiatoren der Friedensgebete. Ihre Forderung: "Macht was! Helft unseren Freunden! Stellt Öffentlichkeit her!" Gelegentlich wurde in den Friedensgebeten über derartige Übergriffe berichtet und protestiert. Aber: Die Friedensgebete - nach der Dekade - waren beendet. Wir hatten keinen weiterführenden Beschluß. Der Kirchenvorstand von St. Nikolai zögerte: "Die Dekade sei doch vorbei". Müller und Johannsen drängten auf die Fortsetzung der Friedensgebete. Auch ich war zurückhaltend. Die Punks, aber auch viele Jugendliche machten deutlich: Die Friedensgebete dürfen nicht auf die "zentral" abgesegneten zehn Abende bis zum Bußtag reduziert werden. Friedrich Magirius fand einen Weg mit der St. Nikolaigemeinde. Es war allerdings eher Duldung als "offene Tür". Zwei oder drei Wochen nach dem Ende der Friedensdekade 82 wurde dann der Aufruf "Das Friedensgebet geht weiter!" verfaßt, wieder auf Ormig getippt, von den "drei Erstunterzeichnern" unterschrieben, abgezogen und verteilt. In dieser Phase war es, neben Günter Johannson und Olaf Müller vor allem Friedrich Magirius, der sich als Superintendent für die Weiterführung des Friedensgebetes eingesetzt hat. Zum Gebet am Wochentag Montag kam es, weil die an den Nachmittagen meist überfüllten Dienstkalender der kirchlichen Mitarbeiter nur noch am Montag ein Plätzchen aufwiesen.

Im Herbst 1989 trieben die Montagsgebete von Leipzig die Ereignisse in der kleineren deutschen Republik voran. Das Politbüro tagte immer erst am Dienstag. Die alten Herren wurden von den "Wellen" der Montagsrunden regelmäßig überrascht. Die Montagsgebete bestimmten in den letzten Wochen der SED-Herrschaft die Tagesordnung des Politbüros. Vielleicht wirkte sich das Gebet am Montag auch deshalb deeskalierend auf den unblutigen Ausgang der "Wende" in der DDR aus, denn die Genossen mußten nun reagieren und waren plötzlich in der Defensive, mitten im eigenen Land. Aber das könnte schon eine weitere Legendenbildung sein. Das besondere der Leipziger Friedensgebete war, daß sie den durchaus hilfreichen aber begrenzten Rahmen der Friedensdekade verlassen hatten. Die Unruhe, die Probleme und die Sorgen bestanden ja weiter. Die in den Veranstaltungen der Dekade erlebte Solidarität, die mühsamen und schönen Versuche, im Umfeld von biblischen Texten Worte finden zu können und Gesten, die anderen verständlich und wichtig waren, wollten einige Menschen aus Leipziger Gemeinden weiterführen. Pfarrer spielten in den ersten Jahren der Friedensgebete eine eher untergeordnete Rolle. Den Aufruf "Das Friedensgebet geht weiter" nahmen die bereits existierenden und im Entstehen begriffenen Informations- bzw. Arbeitsgruppen und einige Gemeinden gern auf. Die Initiatoren wurden bei den wöchentlichen Friedensgebeten schnell unterstützt. Häufig wurde aber auch vom kirchlichen Mittelbau gefragt: "Wer verantwortet eigentlich, was da stattfindet?" Ich möchte nichts verklären. Es waren nicht alle Friedensgebete bemerkenswert. Manche waren langweilig, einige gar peinlich, weil formal und inhaltlich unzureichend. Was halt so in Gottesdiensten alles vorkommen kann, passierte auch in Friedensgebeten. Zeitweise wurde intern beraten, die Montagsgebete einzustellen, da der Besuch unstet war. Dank denen, die gesagt haben: "Wir machen weiter!" Beim Erinnern wird mir bewußt, die Orgel hat fast immer gespielt, wenn dies gewünscht wurde. Dank den Organisten. Die Andachten fanden in den unterschiedlichsten Formen Woche für Woche statt. Die Beteiligten kamen aus ganz Leipzig. Die Friedensgebete zu St. Nikolai waren schon deshalb keine "Winkelveranstaltungen der Jungen Gemeinde". Aber: Diese Friedensgebete wollten keine Heldentaten sein. Sie stellten ein Angebot von meist jüngeren, sensiblen und wachen Leuten an ihre Stadt und an die Kirche, aus der sie nicht ausreisen und nicht austreten wollten, auf der Suche nach Wahrhaftigkeit dar. Für das Verständnis der damaligen Zeit ist es hilfreich nicht zu vergessen, was es im September 1982, im Mai 1983 oder im Herbst 1984 unter Umständen bedeuten konnte, ein Friedensgebet mitzugestalten: Für den Oberschüler, der mitten im Abitur die Fürbitte im Friedensgebet sprach, für die angehende Doktorandin der Karl-Marx-Universität, die einen Bibeltext interpretierte (Zulassung zur Promotion konnte zurückgezogen werden) oder für die Technologin, die ach so geheime Umweltdaten von Leipzig verlas. Damals gab es noch Parteisekretäre! Die ließen vorladen oder luden persönlich vor. Allerdings meist nur die "Laien der Kirche", selten die kirchlichen Mitarbeiter. Zu erinnern ist weiterhin: In der Regel gab es in den frühen achtziger Jahren während der Friedensgebete nicht die große, schützende Masse von hundert oder gar tausend Besuchern in St. Nikolai, wie in den letzen zwei, drei Monaten des Revolutionsjahres 89. Auf ganz eigene Weise wurde in den ersten Jahren des Friedensgebetes stotternd, respektvoll-beschämt (wegen der Ferne des "möglichen" Gottes), wütend, lustig, lästernd, gelassen, suchend und "singend" gesagt: "Wir sind das Volk..." Es wurden dafür nur andere Wörter verwendet. Manchmal standen wir irritiert neben uns, mitten in dieser riesigen Kirche und hörten unseren Worten nach. Diese verhallten, vergleichbar den Schritten der Besucher, die über den langen Gang das Kirchenschiff langsam verließen, im Raum. Um 1988 muß sich der Charakter der Friedensgebete gewandelt haben. Da parkten dann öfter "Lada´s" und "Golf-GL-Limousinen" vor der Kirche, da wo sonst die Fahrräder standen. Besucher fanden sich ein, die baten um ihr Recht auf Ausreise. Damals schon, vermute ich - nicht erst im Dezember 89 auf den Straßen des Leipziger Rings - wurde auf den Gängen und Emporen der Nikolaikirche geraunt: "Wir sind ein Volk...". Heute schaut die Öffentlichkeit auf die großen Teilnehmerzahlen der kraftvollen Leipziger Demonstrationen vom Herbst 89. Schön waren sie, die Demos. Rund war der Ring und laut waren die Sprechchöre. Man ist aber gut beraten, wenn man berücksichtigt: zur Zeit der ersten Leipziger Sprechchöre, hatte Ungarn die Grenze schon längst geöffnet und die DDR war restlos pleite. Sie war ökonomisch und politisch entleert. Deshalb die vollen Straßen. Die Leipziger Friedensgebete bekamen durch diese Ereignisse eine andere Gestalt. Sie haben dem unerwarteten Zusammenbruch der DDR eine Form geben können. Das hat geholfen, Unheil und Blutvergießen zu verhindern. Den Verlauf der "Wende" haben diese wichtigen 89er Friedensgebete mit beeinflußt. Diejenigen die sie zu diesem Zeitpunkt mit gestaltet haben, leisteten herausragendes. Dafür gebührt Dank, Respekt und Anerkennung. Hilfreich ist aber auch, an die Anfänge zu erinnern. Sie waren gute protestantische. Sie kamen von den Rändern der Gemeinden und der Stadt, versammelten sich um das schützende und erhellende Wort der Bibel und drängten in Gemeinschaft an die Öffentlichkeit. Der Rückblick verführt leicht, Vergangenes wie einen Film zu sehen, der auf Hauptrollen nicht verzichten kann. Das aber widerspricht dem langjährigen Charakter der Leipziger Friedensgebete. Diese wurden von vielen einzelnen und sehr verschiedenen Menschen getragen. Stellvertretend, ein wenig Pathos kann schon sein, nach so vielen Jahren, sollen dankbar für die Zusammenarbeit und die gemeinsamen Stunden genannt werden: Günter Johannsen und Olaf Müller, Joachim Förster und Christof Kelz, Christina, Joachim und Gisela, Christian-Felix, Reinhard und Gunter, Ralf, Kornelia, Bernd und Uta, Tobias, Gudrun, Roland, Frank und Michael, Andrea, Karim, Gertrud, Willi, Nico, Christoph und Friedrich, Johannes, Brigitte, Christian, Marion, Wolfram, Aribert und Klaus, Thomas, Bernhard, Jens und Susanne, natürlich auch Gottfried und Friedel aus Wahren und Lindenau, Stötteritz, Probstheida, Michaelis, St. Markus, Gohlis und St. Thomas, aus der Mozartstraße und der katholischen Probstei, aus Sellerhausen und Leutzsch.

Hans-Joachim Döring Wittenberg/Pechau
aus: Die Zeichen der Zeit - Lutherische Monatshefte/Hannover 11/99, S. 36-38.

 

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Von Wensierski, Peter

20 Jahre nach den legendären Montagsdemonstrationen von Leipzig streiten sich prominente Kirchenleute und weniger bekannte ehemalige Bürgerrechtsaktivisten um die Deutungshoheit über die damaligen Ereignisse. Wer hat wirklich die friedliche Revolution in der DDR eingeleitet?

Schon wieder er. Der Bundespräsident braucht in seiner Leipziger Festrede zum 20. Jahrestag der DDR-Revolution keine zwei Worte, um ihn zu erwähnen. So geht es seit Jahren schon. 1991 war es die Theodor-Heuss-Medaille, die er bekam, 1995 folgte das Bundesverdienstkreuz, 2005 der Augsburger Friedenspreis (zusammen mit Michail Gorbatschow) und 2008 schließlich noch die Hans-Böckler-Medaille. Er ist immer der Held. Aber warum? Warum ausgerechnet Christian Führer, der langjährige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche mit dem markanten Bürstenhaarschnitt und der ewigen Jeansweste?

Es ist eine Frage, die sie umtreibt. Auch als sie sich vor gut einer Woche im fahlen Schein der Glasleuchter im alten Kinosaal der Leipziger Stasi trafen. Gut hundert frühere Aktivisten kamen, viele von ihnen immer noch in selbstgestricktem Pullover und Parka, so wie damals vor 20 Jahren, als sie den Kern der legendären Leipziger Montagsdemonstrationen bildeten. Zum Festakt mit dem Bundespräsidenten im Leipziger Gewandhaus waren etliche von ihnen nicht eingeladen worden.

Männer wie Uwe Schwabe, den die vielen Rückblicke auf 20 Jahre Mauerfall erst gelangweilt und dann immer mehr verärgert haben. Weil sie den Mythos der friedlichen "Revolution, die aus der Kirche kam", den der Theologe Führer in seiner Autobiografie neu entfacht, nicht für die Wirklichkeit, sondern eben nur für einen Mythos halten.

Es ist nicht die Geschichte, die sie vor 20 Jahren erlebt haben. Deshalb können Schwabe und seine Mitstreiter die Ehrungen und Legendenbildungen um die "Helden" der Kirche kaum noch ertragen. "Da droht sich etwas im kollektiven Geschichtsbewusstsein zu etablieren, was mit der Realität der Ereignisse nicht mehr viel zu tun hat", sagt er.

In Leipzig ist ein Kampf um die Deutungshoheit der damaligen Vorgänge entbrannt, die unbestritten den Untergang der DDR einleiteten. Wer waren die wirklichen Helden? Kirchenmänner wie Führer, die zurückhaltend und vorsichtig agierten, um auf keinen Fall die Staatsmacht herauszufordern? Oder Aktivisten wie Schwabe, die auf die demokratische Erneuerung der DDR drängten und damit in den Augen der SED-Herrscher nichts weniger als die Machtfrage stellten?

20 Jahre nach dem Fall der Mauer werden noch einmal die alten Schlachten geschlagen. Und beide Seiten stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie einst. Viele der späteren Initiatoren der Leipziger Demonstrationen werfen den Kirchenleuten vor, damals zu sehr gebremst zu haben. Für sie ist ein Montagnachmittag im August 1988 in der Leipziger Nikolaikirche ein Schlüsselereignis. An jenem Tag hatte Superintendent Friedrich Magirius am Ende der Andacht erklärt, dass die Basisgruppen, die seit Jahren montags für volle Kirchenbänke gesorgt hatten, nicht mehr an der Gestaltung des Friedensgebets mitwirken dürften.

Empört stürmten die jungen Männer und Frauen zum Altar, um eine Protesterklärung gegen die Zensur der Kirche zu verlesen, doch ihnen wurde das Mikrofon abgestellt. Jochen Läßig vom "Arbeitskreis Gerechtigkeit" versuchte dennoch, vom Altar aus weiterzusprechen.

Superintendent Magirius gab daraufhin dem Organisten auf der Empore ein Zeichen, und schon erstickte Orgelmusik den Protest gegen die Kirche. Ein junger Mann hechtete über die Kirchenbänke, kletterte die Balustrade hoch und zog den Stromstecker der Orgel. Pfarrer Führer sprang auf einen Stuhl, um die Leipziger Basisgruppen, darunter viele Theologiestudenten, kurzerhand aus seiner Kirche zu werfen. Die antworteten mit Pfiffen und Protestrufen. "Das sind keine Leute von uns", rief Führer in den Kirchenraum.

Die Stasi-IM vor Ort notierten: "Durch Pfarrer Führer wurden die Anwesenden mehrfach zum Verlassen der Kirche aufgefordert", was sie dann auch "mit Unmut und undiszipliniert" taten. Nach ihrem Rauswurf nutzten die Bürgerrechtler den Platz vor der Kirche, Passanten über Verhaftungen, Pressezensur und Aktionen in der ganzen DDR zu informieren.

"Wir wollten uns nicht länger von Pfarrern, die Angst hatten, bevormunden lassen", beschreibt Schwabe die damalige Gefühlslage. Heute ist er Mitarbeiter im Zeitgeschichtlichen Forum der Bundesstiftung "Haus der Geschichte" in Leipzig. "Wir wollten handeln und nicht auf ein Zeichen Gottes warten. Als die Kirche begann, uns zu disziplinieren, haben wir den öffentlichen Raum selbst erobert."

Die Leipziger Friedensgottesdienste waren schon seit dem Herbst 1982 von Basisgruppen gestaltet worden, die sich an dem Vorbild des damals noch in Dresden tätigen Pfarrers Christoph Wonneberger orientierten. Doch mit ihrer zunehmenden Politisierung wurde der Druck des Staats auf die Kirchenoberen immer größer.

Die Luftverschmutzung in der Region, die Atomkraft, die Verletzung der Menschenrechte in der DDR, der Verfall der Leipziger Altstadt und die wachsende Zahl von Ausreisewilligen waren Themen, die so brisant waren, dass sie nach dem Willen der Kirche bei den Friedensgebeten nicht mehr angesprochen werden sollten.

Drei Ausstellungstafeln zur Ausreiseproblematik wurden in der Nikolaikirche verboten, Texte zensiert, Fotos des Prager Frühlings 1968 von der "Klagemauer", einer Pinnwand in der Kirche, entfernt. In einem Protestbrief an Landesbischof Johannes Hempel schrieben acht Leipziger Bürgerrechtler: "Wir brauchen die Öffentlichkeit. Wir sehen uns als Gruppen nun nicht mehr nur von staatlicher, sondern auch von kirchlicher Seite ins Abseits gedrängt." Gesine Oltmanns, die immer in den ersten Reihen der Montagsdemonstranten zu finden war, sagt: "Auf Bischof Hempel und seine Superintendenten wurde Druck ausgeübt, den sie an uns weitergaben." Hempel sei aufgefordert worden, die Friedensgebete "mehr zu theologisieren".

Doch die Leipziger Aktivisten drängten auf Handeln statt auf Beten. "Wir wollten aus dem engen kirchlichen Raum ausbrechen und sahen in der Organisation von Demonstrationen eine neue Möglichkeit", erinnert sich Schwabe. Bereits im Juni 1988 verteilten sie Handzettel an die Leipziger und organisierten mit dem "Pleiße-Marsch" eine Umweltdemonstration.

Um die Staatsmacht nicht zu provozieren, distanzierte sich die Kirchenleitung umgehend von den Aktionen. Die Leipziger Superintendenten verlangten, die entsprechenden Plakate aus den Schaukästen der Kirchengemeinden zu entfernen. Außer Wonneberger marschierte kein anderer Pfarrer mit den 230 Demonstranten, die von der Polizei in Ruhe gelassen wurden.

Wonneberger und nicht Führer war der wichtigste Mann hinter den Friedensgebeten. Bis in den Sommer 1988 war er derjenige, der sie koordinierte. Dann bekam er einen Brief seiner Kirchenleitung. "Lieber Bruder Wonneberger ... Wir haben eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich fest, dass Sie von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind."

Für Schwabe war das der Moment, "in dem die evangelische Kirche sich zum Handlanger der SED degradierte". Umso mehr ärgert es ihn, dass nicht Bürgerrechtler wie Wonneberger bei Erinnerungsfeiern im Rampenlicht stehen. Stattdessen würden Männer wie Führer geehrt oder der frühere Superintendent Magirius, der bereits 1990 die "Goldene Kamera" erhalten hatte, später Ehrenbürger von Krakau wurde und den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis bekam, bei dessen Verleihung in der Frankfurter Paulskirche mehrere DDR-Bürgerrechtler ein Transparent hochhielten ("Revolutionsheld nach Sendeschluss").

Die Aktivisten von einst reagierten empört, als sie hörten, dass ausgerechnet Christoph Kähler, der frühere Rektor des Theologischen Seminars Leipzig, bei den Gedenkfeiern zum 9. Oktober in Anwesenheit des Bundespräsidenten ein Friedensgebet in der Nikolaikirche halten sollte. Dabei war er es, der nach jenem Tumult 1988 die Disziplinierung von beteiligten Theologiestudenten einleitete. Drei Sprecher der Gruppe "Gerechtigkeit" wurden zwei Monate später, nach einem Rektoratswechsel, vom kirchlichen Studium exmatrikuliert, weil sie angeblich kaum noch daran teilgenommen hätten.

In der Nikolaikirche ging es nach dem Montagstumult Ende August 1988 mit den Friedensgebeten zwar weiter, doch für die Gruppen war der Platz vor der Nikolaikirche fortan der wichtigere Treffpunkt. "Nach dem Vorbild der Danziger Brigittenkirche nahe der Werft und dem Prager Wenzelsplatz", sagt der damalige Aktivist Rainer Müller.

Allerdings wollten die Gruppen ihren Rauswurf aus der Nikolaikirche nicht widerstandslos hinnehmen.

Zwei Monate später, am 24. Oktober 1988, trugen die Basisgruppen ihren Protest noch einmal in die Kirche. Mit Kerzen und Transparenten zogen Aktivisten vor den Altar. Doch anders als seine evangelischen Kollegen zeigte sich der katholische Kaplan Hans-Friedel Fischer solidarisch und begrüßte jeden mit Handschlag.

Am Ende des Friedensgebets versuchte die junge Gesine Oltmanns, eine Erklärung vorzulesen. Doch wieder schaltete Superintendent Magirius das Mikrofon ab. Erneut kam es zu tumultartigen Szenen in der Nikolaikirche. Die Gruppen zogen nach draußen, verteilten Kerzen an die Passanten und nutzten die Betonplatten vor der Kirche als Rednertribüne.

Zwei Wochen später, am 9. November, ging vom Vorhof der Nikolaikirche ein nicht genehmigter Schweigemarsch mit Kerzen aus, an dem über 200 Leipziger zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 zum ehemaligen Standort der größten Leipziger Synagoge zogen.

Doch Nikolaikirchen-Pfarrer Führer war mit den Flugblättern nicht einverstanden: "Wir können uns nur davon distanzieren." Und über die in seiner Kirche protestierenden Basisgruppen meinte er: "Was wir hier erlebten, lässt auch bei weitherzigster Auslegung den Begriff 'Friedensgebet' nicht mehr zu." Das sogenannte Fürbittengebet trage "zur Propagierung des Unglaubens, zu Tipps für das Verhalten bei der nächsten Wahl" bei und sei "zu provokativ-politischen Appellen entartet". Die Kirche werde so "zum Plenarsaal herabgewürdigt".

Führer tat alles, um Film- und Tonaufnahmen oder das Fotografieren durch westliche Journalisten in der Nikolaikirche zu verhindern. Ganz anders als Pfarrer Wonneberger und die Basisgruppen. "Unser Ding war es, immer alles öffentlich zu machen", sagt Wonneberger, in dessen Haus ein Kontakttelefon für die Aktivisten stand. So wie auch bei seinem Verbündeten, Pfarrer Rolf-Michael Turek.

Die beiden Seelsorger erlaubten von ihren Anschlüssen Gespräche mit Westmedien und Oppositionsgruppen in der DDR und ließen zu, dass in ihren Pfarrhäusern Flugblätter gedruckt werden konnten. Turek musste sich deshalb im Sommer 1989 zur "Klärung eines Sachverhalts" von der Stasi vorhalten lassen: "Seien Sie doch vernünftig, Herr Turek, und nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihren Kollegen." Doch Turek wollte nicht.

Magirius sagt, er habe eine Entchristlichung der Friedensgebete damals nicht tolerieren wollen. Führer bestreitet heute nicht, was vorgefallen ist. Doch nicht er habe sich nach der Wende in den Vordergrund gespielt, es seien die Medien gewesen, die ihn als "den Geistlichen" bezeichnet hätten, der der "SED-Macht die Stirn bot". Das habe er zwar auf seine Art auch getan, selbst wenn er damals "Tag und Nacht Angst" gehabt habe. Doch für ihn habe Jesus im Mittelpunkt gestanden und nicht der Umsturz.

Und er habe sich auch nicht als "Initiator der Friedensgebete" dargestellt, sondern nenne sich allenfalls ein "ständiger Begleiter und Betreuer". Die Basisgruppen seien damals zwar verärgert gewesen, doch es habe Friedensgebete gegeben, "die nur scharfe politische Veranstaltungen waren und dem Staat die erwünschte Steilvorlage" für die Behauptung lieferten, "die Gebete hätten nichts mit der Kirche zu tun, sondern seien blanke staatsfeindliche Hetze". Als die Situation Ende August 1988 eskalierte, habe die Gefahr bestanden, dass der Staat einen Vorwand zum Eingreifen bekommen hätte. Deshalb habe er die Gruppen gebeten, die Kirche zu verlassen, sie aber nicht hinausgeworfen. Im Frühjahr 1989 habe er sie wieder hineingeholt.

Tatsächlich spielte der Kirchhof mit den Aktivisten draußen vor der Nikolaikirche in den Monaten bis zum Herbst 1989 aber die entscheidende Rolle, "nachdem wir uns aus der Bevormundung der Kirchenleitung gelöst hatten", sagt der Ex-Theologiestudent und heutige Historiker Müller. Von hier aus zogen schon am 1. Mai des Revolutionsjahrs 200 Leipziger quer durch die Innenstadt. Ohne dass die Volkspolizei eingeschritten wäre. Von da an fand jeden Montagabend eine Demonstration statt oder der Versuch dazu.

"Dieser Rauswurf war es im Grunde, der eine Kommunikation zwischen jungen Oppositionellen und der Bevölkerung erzwang", glaubt der SPD-Bundestagsabgeordnete Gunter Weißgerber heute, damals einer der Hauptredner der Montagsdemonstrationen: "Ohne 'die nach draußen Gewiesenen' auf dem Nikolaikirchhof würden 'die da drinnen' vielleicht noch immer in der Nikolaikirche beisammensitzen und Fürbittgottesdienste und Friedensgebete innerhalb der DDR abhalten."

PETER WENSIERSKI

DER SPIEGEL 43/2009
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Kerzen und Gebete – Wurzeln der Freiheit

(17.12.2008) — Landesbischof Dr. Christoph Kähler Zum Adventsempfang der Evangelischen Kirchen in Thüringen am 17. Dezember 2008 hat Landesbischof Christoph Kähler an die "Kerzen und Gebete" im Herbst 1989 erinnert.

Die Frage ist keine Gretchen- und keine Gewissensfrage. Denn als der oft vergessene Jugenddiakon Günter Johannsen zum ersten Mal mit seiner Jugendgruppe in der Leipziger Nikolaikirche ein Friedensgebet hielt, da war das so wenig spektakulär, das bis heute sogar die Jahresangaben über den Beginn unter den wenigen Beteiligten des Anfangs schwanken (schon 1981 oder erst 1982?). Es waren zunächst sehr kleine Gruppen, die die Friedensverantwortung und die Friedenserziehung unter den neuen Bedingungen des vormilitärischen Unterrichts in der Schule ins Gebet nehmen wollten.

Die Friedensgebete waren zunächst keine Massenveranstaltung, eher intime Andachten (Tiefensee). Auch nach einer ersten größeren Bekanntheit gab es immer wieder ein Auf und Ab in der Beteiligung von Gemeindegliedern und Außenstehenden. Denn wenn es eine Grundbedingung für dieses und für andere Gebete gibt, dann ist es die Freiwilligkeit des Betens, eine Schwester der Freiheit. Ein erzwungenes Gebet ist ein Widerspruch in sich selbst.

Als ich selbst häufiger "montags um fünf" dort saß - lange vor dem Herbst 1989 - , hatte ich immer wieder auch gemischte Gefühle. Denn da saßen viele Ausreiseantragsteller und hatten Mühe, beim Gebet die Hände zu falten und das Vaterunser mitzusprechen und die sich wiederholenden Lieder mitzusingen, denn eine Reihe von ihnen war eher nicht christlich erzogen worden. Ich habe erst spät begriffen, dass und warum sich Pfarrer Christian Führer und andere Kollegen im Lande dieser Gruppe so zuwandten. Diese Menschen lebten nämlich über Monate und Jahre im persönlichen und gesellschaftlichen Niemandsland - in Gedanken schon lange nicht mehr hier, aber in der Realität auch noch nicht drüben. Frieden und Bestärkung suchten sie an einem öffentlichen Ort, der Gemeinsamkeit und Zuspruch außerhalb der geltenden und von ihnen abgelehnten politischen Normen bot.

Allerdings stritten sich die engagierten Gruppen und die kirchlich Verantwortlichen lebhaft und regelmäßig über das zuträgliche Maß an Offenheit und politischer Botschaft. Ja, zur Geschichte dieses längsten ununterbrochenen Friedensgebet an einem Wochentag gehören auch offene Auseinandersetzungen im Altarraum der Kirche, also Bilder, die wir uns nicht in einer Kirche und schon gar nicht beim Gebet vorstellen möchten. - In der Jenaer Friedenskirche formulierte Landesbischof Werner Leich in ähnlichen Auseinandersetzungen um die Jenaer Friedensbewegung: "Die Kirche ist für alle da, aber nicht für alles." Das war richtig, musste aber von Tag zu Tag neu in seiner Reichweite bestimmt werden.

Diese Auseinandersetzungen werden heute oft mit einem nachträglichen Metermaß auf den Mut und die Standfestigkeit des Einzelnen oder der beteiligten Gruppen und der Institutionen hin gemessen. Natürlich darf man auch danach fragen. Doch sollte man dabei nicht vergessen, dass solche Argumentation und Gegenargumentation, solche z.T. massiven Differenzen zwischen Jungen und Alten, Wagemutigen und Vertretern der Institutionen unserer Kirche ausgetragen wurden und darin ein erster unvollkommener, schwieriger und bedrohter Versuch praktizierter Offenheit und Freiheit lag - nach langen Jahren bleiernen Schweigens. In die Gebete gingen die begründeten Ängste, die angespannt-bedrohliche Situation, die verschiedenen Erwartungen sehr heterogener Teilnehmer ein. Die große Einmütigkeit in überfüllten Kirchen und der stürmische Beifall aller Anwesenden sind, das darf man nicht vergessen, erst ein späteres Ergebnis und nicht etwa der Anfang der Friedensgebete in unsicheren Zeiten mit unsicheren Perspektiven, aber unter ganz sicherer Beobachtung.

In diesem Streit, den die Vertreter der Kirche nach zwei Seiten ausfechten mussten, mussten sie auch Mittler zwischen denen sein, die nicht miteinander redeten, zwischen der Staatsmacht und den Oppositionellen. Hier wurden öffentliche Auseinandersetzungen indirekt vermittelt, die wir heute selbstverständlich an anderem Ort und in anderer Weise möglichst direkt erwarten und erleben. Aber heute wie damals geht es um eine Basis der Fairness für alle Seiten, die die Freiheit des Andersdenkenden anerkennt und so weit wie möglich schützt. Selbst noch der Streit um die Friedensgebete stellt eine Wurzel der Freiheit dar, die wir heute haben und zu pflegen haben!

Zeichen der im Friedensgebet gewonnenen Freiheit waren übrigens auch die sehr unterschiedlichen Konsequenzen, die die Teilnehmer für sich nach den Gebeten zogen: Während die einen den Mut fassten, in die westlichen Kameras zu rufen: "Wir wollen raus!", dokumentierten andere ihre Emanzipation mit dem Satz: "Wir bleiben hier!" Fassten die einen Mut, aus dem Gebet heraus in eine verbotene Demonstration zu gehen, ließen sich andere in der Demonstration kurz vor Weihnachten 1989 dazu bewegen, keine politischen Parolen zu rufen und keine Transparente mit aktuellen Forderungen zu tragen. Bibeltexte, Gebet und Gesang haben die Beteiligten nicht uniformiert, sondern die Individuen persönlich gestärkt und zur eigenen Verantwortung ermutigt. Es gehört zu den unbeabsichtigten, aber nicht zufälligen Folgen der Montagsgebete, dass sich aus ihnen heraus verschiedene politische Gruppen und Parteien gebildet haben - eben nicht nur eine.

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