Bernd Winkelmann

Kurzvortrag zur Gedenkveranstaltung der Ev. Kirche in Mitteldeutschland zu 30 Jahre Friedensdekade am 8.11. 2009 in der Michaeliskirche Erfurt

(Diesem Vortrag ging ein Vortrag von Uwe Koch zur 30-jähringen Geschichte der Friedensdekade in der DDR und in Gesamtdeutschland voraus)

„Mit Gott schritt halten – Was sind die Herausforderungen
der Friedensdekade heute und morgen?“

1)  Was war der verborgene Erfolg der Friedensdekade in den 80ziger Jahren?  Keine große Zahl von Teilnehmern; keine große Aufmachung, kein Eventcharakter in der Öffentlichkeit.

a) Der Erfolg der Friedensdekade lag darin, dass sie in die Schmerzpunkte der Zeit hinein ging, an die uns Uwe Koch eben erinnerte: die irrsinnige Nachrüstung mit dem Stationieren atomarer Massenvernichtungswaffen; die verlogene Umweltpolitik der DDR-Regierung; die Gerechtigkeitsfrage, die wir nicht nur DDR-kritisch angingen, sondern weltbezogen in den Ausbeutungsmechanismen der 1. Welt gegenüber der 3.Welt.

b) Und dies nicht nur, um irgendwie aktuell sein zu wollen oder nur aus einem oppositionellen Trieb heraus, sondern aus einer tiefen geistlich-theologischen Inspiration heraus: nämlich aus der Erkenntnis, dass der lebendige Gott selbst in die Schmerzpunkte der Welt hineingegangen ist und hineingeht - ganz klar biblisch bezeugt und so, dass uns das heute angeht:

-      Gott, der sein Volk aus der ägyptischen Sklaverei herausgeführt hat und damit aus allen Sklavereien dieser Welt herausführt;  

-      Gott, der mit seinen Propheten den Missbrauch von Geld und Macht bei den Mächtigen anprangert,  - aber für die „Witwen und Waisen“, für die Fremdlinge, für die Armgemachten und Verschuldeten eintritt;

-      Gott, der ihnen und uns den Schalom Gottes ansagt als eine Welt, in der Frieden aus Gerechtigkeit gebaut wird und die Menschen lernen, ihre Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden;

-      Gott, der in Jesus Christus nicht in die Paläste, sondern zu den Ausgegrenzten an die Straßen und Zäune geht und der im Kreuz in den tiefsten Schmerzpunkt dieser Welt hineinging, um hier von ganz unter her aufzuerstehen;

-      Gott, der aus den Unmündigen, Armen und Erniedrigten seine Gemeinde aufbaut, nicht aus den Klugen und Mächtigen diese Welt;

-      Und Gott, der uns sagt, „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan“.

Diese „missio dei“, die Sendungsbewegung Gottes in die Welt hinein - das war der geistlich-theologische Leitgedanke, der uns inspirierte.
Und von daher zwingend die Erkenntnis, dass wir nur dann Kirche Jesus Christi sind, wenn wir dieser Bewegung Gottes in die Welt hinein folgen, weit über selbstgenügsame Kirchengrenzen hinaus - eben genau in die Schmerzpunkte unserer Welt hinein.
Das war in der Krisenzeit der 80ziger Jahre der Impetus, aus dem die Friedensdekaden ihre Salzkraft bekamen – der dann auch Wende-wirksam wurden, als der Kairos Gottes 1989 gekommen war.

c) Darum ist die erste Herausforderung der Friedensdekade heute und morgen eine geistlich-theologische: nämlich dass wir wieder geistlich-politisch sensibel werden für Gottes Leiden und Auferstehen in den Schmerzpunkte der Welt heute, dass wir in prophetischer Wachheit die Zeichen der Zeit erkennen und ansagen – und dass wir dem in den Friedendekaden Raum und Sprache geben.

 

2)  Was aber sind die Krisen- und Schmerzpunkte unserer Zeit heute, in die Gott hineingeht, und in denen wir ihm folgen sollten? 
Da gibt es keine fertigen, festlegende Antworten. Aber ein Fragen und Hinspüren aus dem Geist Jesu heraus ist uns geboten.

Zum Beispiel dass wir die tabuisierten Schlüsselfragen stellen:

-  Worin liegt der Irrsinn, was steckt dahinter, dass da eine winzige Oberschicht sich in schamloser Weise Mrd. abschöpft, was andere erarbeitet haben, - dabei ganze Volkswirtschaften an die Grenze des Ruin treibt, - während Millionen in immer größere Armut und ganze Völker in Hunger getrieben werden – und dass dieser Irrsinn von den Klugen und Mächtigen dieser Welt als normal hingenommen wird?

-   Worin liegt der Irrsinn, was steckt dahinter, dass Maschinen uns immer mehr Arbeit abnehmen, aber die einen immer länger und ausbeuterischer arbeiten müssen, während immer mehr andere aus der Erwerbsarbeit hinausgedrängt werden und ihnen das Recht verwehrt wird, durch eigene Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen?

-  Worin liegt der Irrsinn, was steckt dahinter, dass wir zwar alles wissen über Umweltzerstörung und drohende Klimakatastrophe, aber ihr Vermeiden offensichtlich nicht bewerkstelligt werden kann?

Was sind die Ursachen, was sind die Systemfehler, dieser Fehlentwicklungen? Welche geistigen Fehlsteuerung stecken hinter diesen Irrsinnigkeiten?

Das ist für die Kirche kein fremdes politisches Fragen, das ist ein zutiefst theologisches Fragen. Denn wenn wir uns die Augen von biblischer Spiritualität öffnen lassen, erkennen wir klar:
hier sind die „Stochaia dieser Welt“ am Werk, wie Paulus sagt, widergöttliche Geistesmächte unserer Welt, - Ideologien, die da den Menschen heute z.B. weismachen:

-  Geldvermehrung, Profitmaximierung und Renditensteigerung sei Zweck allen Wirtschaftens;

-  Handeln nach Eigennutz und in Konkurrenz einer gegen den anderen würde dem Allgemeinwohl dienen;

-  der Reichtum einer Minderheit würde die Masse mit nach oben ziehen;

-  immerwährendes Wirtschaftswachstum sei möglich und würde alle Probleme lösen;

-  Terror, Hass, Aufstände und Krieg seien mit Krieg zu überwinden usw.

Hinter all dem steht die Kapitalismusideologie unserer Zeit: Leben und Glück sei in Anhäufung von Geld, im Kaufen und immer mehr haben, in Selbstbehauptung und Sieg über den anderen zu gewinnen.
Daraus kommen zwangsläufig sowohl die persönlichen Ungerechtigkeiten, wie die strukturellen Ungerechtigkeiten - theologische gesprochen, die strukturelle Sünde unserer Zeit.
Erkennen wir, dass hinter den neokapitalistischen Ideologien und Praktiken der Mammongötzendienst steht, den Jesus als das eigentlich Widergöttliche entlarvt hat?

 

3)  Gott sei Dank gibt es heute immer mehr genug prophetische Gegenstimmen gegen diese Ungeister, z.B.:
Der 3. Bericht des Club of Rome „Grenzen des Wachstums“ von 2006 und die Studie des Wuppertal-Instituts „Nachhaltiges Deutschland“ von 2008.   Sie sagen eindeutig:
Wenn wir mit der Wachstumsmanie unseres Wirtschaftens weiterfahren und nicht schnellstens unseren Material- und Energiedurchsatz radikal runterfahren, wird es in den nächsten 10-20 Jahren katastrophale ökologische, soziale und politische Zusammenbrüche geben. Nur eine Umkehr zu einem bescheideneren Lebensstil und eine weltweite Wirtschaft des Teilens kann uns retten.
Wie steht es mit der prophetischen Wachheit der Kirche, wenn uns das Menschen von jenseits der Kirche sagen müssen, wo doch dieser Umkehrruf schon aus dem biblischen Wort so deutlich zu erkennen ist?

 

4)  Was heißt das konkret für die Friedensdekade heute und morgen?

1.  Wir sollten weiter und erneut mit Geduld und Ausdauer zur Friedensdekade einladen, auch wenn sie in der Öffentlichkeit wenig beachtet wird und nur wenige kommen. Nicht irgendein Eventcharakter ist wesentlich, sondern dass da 2 oder 3, 5 oder 7 im Namen Jesus zusammen sind und nach dem Weg Gottes in den Schmerzpunkten unserer Zeit fragen.

2.  sollte in den Friedendekaden ganz konkret beim Namen genannt werden, was die Schmerzpunkte und Deformationen unserer Zeit sind.
Information und Austausch eigener Erfahrungen, Betroffenheit, die Klage und das Gebet vor Gott sollen hier ihren Raum finden.

3.  sollen vor allem die biblische Orientierung und die biblischen Optionen gesucht werden. Und dies so konkret wie möglich als Ruf auf den Schalom Gottes zu, mindestens in Fragen, die den Nerv der Probleme treffen, z.B.:

-      Wie kann der Vorrang der Gewaltlosigkeit auch im Kampf gegen den sogen. Terror Gestalt gewinnen? Vielleicht doch im Dialog auch mit vermeintlichen oder tatsächlichen Terroristen statt militärische Interventionen?

-      Oder: Ist unser Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung nicht erst dann glaubwürdig und wirksam, wenn wir bereit sind, Einschnitte im persönlichen Lebensstil zu realisieren, z.B. unser Autofahren und Flugreisen drastisch runterzufahren?

-      Und vor allem sollten wir erkennen: unsere Wirtschaft hat zwar ungeheure Reichtümer geschaffen, zugleich ist sie aber in bestimmten Mechanismen Krieg, Krieg gegen die Natur, gegen unsere Enkel, gegen die Entwicklungsländer und Krieg auch gegen die Hinausgedrängten im eigenen Land, auch Krieg gegen uns selbst.

Christian Führer sagt es in diesem Jahr immer wieder: „Der 2.Teil der Wende steht noch aus!“
Wir alle sind froh, dass morgen vor 20 Jahren die Mauer fiel, dass wir das DDR-Staatsystem abschütteln konnten und dass wir jetzt im vereinten Deutschland leben.
Doch das, wofür wir in den 80ziger Jahren stritten, ist durch die Wiedervereinigung Deutschlands noch längst nicht abgegolten.
Heute gilt es, die lebenszerstörerische Wirtschafsweise zu überwinden und eine alternative, eine lebensdienliche, solidarische Ökonomie zu entwickeln, in der die Teilhabe aller Menschen und Völker gewährt wird und Friede aus wirklicher Gerechtigkeit erwächst.
Es gibt viele Initiativen und Gruppen, die hier am Werk sind und viel weiter sind, als die meisten wissen.[1] Wir Christen und die Kirchen sollten hier als Avantgarde mitgehen.

 

5)  Sie, Heino Falcke, haben 1986 ein Buch mit Ihren wichtigsten Aufsätzen und Reden in der DDR veröffentlicht unter dem Titel: „Mit Gott Schritt halten“.  Titel und Inhalt des Buches haben mich damals als wegweisend fasziniert.
Genau darum geht es auch heute: dass wir Schritt halten mit Gott, der auch heute als lebendigen Herrn der Geschichte uns vorangeht. Darum geht es, dass wir heute und morgen mit ihm hineingehen in den Schmerzpunkten unserer Zeit, dass wir in prophetischer Wachheit die Dinge beim Namen nennen, dass wir mit Gott Position beziehen draußen bei den Hinausgedrängten und Armgemachten,  - und dass wir – wenn der Kairos Gottes kommt – aus den Kirchen hinaus auf die Straßen gehen.
Eine Friedensdekade aus dem Geist Jesus kann über lange Zeit hin erneut ein Samenkorn sein.

 

Ich möchte schließen mit einem Gebet von Dom Helder Camara:

 

Stimmt es, O Gott,

dass du den Regenbogen als ein Zeichen des Friedens für alle Kreatur

in den Himmel gesetzt hast?

Dann schaffe neu ein solch mächtiges Zeichen,

dass es das Gewissen der Völker erschüttert und sie dahin führt,

den offensichtlichen Irrsinn der Kriege und der Missbildung

einer winzigen Welt der Reichen zu sehen,

die umschlossen und durchdrungen ist vom Wasser des Elends...

O Gott, lass nicht zu,

dass wir aus falscher Liebe die schreckliche Wahrheit verharmlosen,

die du den Reichen gesagt hast.



[1] Z.B. in der vom Ökumenischen Netz in Deutschland 2008 gegründeten „Akademie auf Zeit Solidarische Ökonomie“,  siehe www.akademie-solidarische-oekonomie.de