Ansprache Friedensdekade in Erfurt

Liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren.

Sie haben mir die undankbare Aufgabe angetragen, in 15 Minuten über 30 Jahre Friedensdekade zu sprechen. Das heißt, über jede einzelne Friedensdekade, Friedenswoche, das Motto und die Resonanz, könnte ich 30 Sekunden reflektieren. Dies macht natürlich wenig Sinn. Ich werde deshalb versuchen, über drei wesentliche Aspekte zu sprechen und diesen Inhalt auf die mir knapp 14 verbleibenden Minuten zu verteilen.

1. Entstehung und Anspruch der Friedensdekaden.

Geburtshelfer der Friedensdekade waren der Kalte Krieg, die Ost-West-Konfrontation und die nukleare Nach- und Neurüstung Ende der 70er Jahre im vorigen Jahrhundert. Hier gab es eine parallele Besorgnis der Kirchen in BRD und DDR. Der europäische Ökumenische Jugendrat hatte im Oktober 1979 dazu aufgerufen, künftig in allen Kirchen Friedenswochen zu veranstalten. Parallel dazu  empfahl ein Aufruf der EKU-Synode, Anfang November 1980 Fürbittgottesdienste für den Frieden zu veranstalten. Und die Bischofskonferenzen von EKD und Kirchenbund legten im Sommer 1980 eine Handreichung vor für Friedensgebete und ein Mahngeläut am Buß- und Bettag. 

Die Landesjugendpfarrerkonferenz der DDR nahm diese Anregung auf und empfahl, mittags um 13 Uhr die Glocken zu läuten, zur selben Zeit also, in der der wöchentliche Probealarm der Zivilschutzsirenen den Kriegsfall übte. Und die Landesjugendpfarrer hatten die weiterführende Idee, die zehn Tage - eben eine Dekade - bis zum Buß- und Bettag mit täglichen Friedensgebeten zu gestalten.

In der DDR hieß dieses Unterfangen von Anfang an „Friedensdekade“, in der Bundesrepublik in den ersten Jahren noch „Friedenswoche“ - der Osten war dem Westen also drei zusätzliche Tage voraus. Auch die Kampagnenmotti waren unterschiedlich. Während im Westen „Frieden schaffen ohne Waffen“ galt, griff der Osten auf den biblischen Propheten Micha zurück, auf dessen Verheissung „Sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden“.

Harald Bretschneider, sächsischer Landesjugendpfarrer und selbst Wehrdienstverweigerer, setzte die Idee durch, eine Materialmappe der Jugendarbeit für die Friedensdekade zu erstellen. Zu dieser Materialmappe gehörte der von da an bleibende Stein des Anstoßes: ein auf Vliseline gedrucktes Lesezeichen, welches einen stilisierten Schmied zeigte, der ein Schwert zu einer Pflugschar schmiedet. Das Motiv bildete ein Denkmal ab, welches die Sowjetunion 1948 der UNO geschenkt hatte und das in New York steht.

Auch wenn ich meine Zeit überschreiten werde, erzähle ich hier diese Episode, weil sie gar nicht oft genug erzählt werden kann. Dies alles geschah zu einer Zeit, als es im Westen bereits Sticker, also Aufkleber, und Buttons, Anstecker,  gab. Beides war im Osten nicht möglich, da wir strenge Druckerlaubnisgesetze hatten. Harald Bretschneider hatte allerdings einen Tipp bekommen: es gab eine Ausnahme im Gesetz. Ein Druck auf Vliseline galt nicht als Druckerzeugnis, sondern als „textile Oberflächenveredelung“, war quasi ein Kunstgewerbeprodukt und mußte deshalb nicht zur Genehmigung bei den Behörden eingereicht werden. Harald nahm also Kontakt auf mit der Firma Abraham Dürninger. Diese Firma gehörte in der 5. Generation der Herrnhuter Brüderunität. Ihr Haupthandelszweig war viele Jahrzehnte Zigarren aus Mittelamerika,wo die Herrnhuter als Missionare aktiv waren. Später folgte ein kirchlicher Versandhandel, dazu eine Druckerei. Dort wurden die ersten 10 000 Lesezeichen auf Vliseline gedruckt. Dem Lesezeichen folgte - wie wir alle wissen - 1981 der kreisrunde Ärmelaufnäher, welcher wiederum den Schmied zeigte, der das Schwert umschmiedet. Und genau dieses Symbol konnte ja nun nicht konterrevolutionär sein, denn von der Sowjetunion lernen, hieß ja siegen lernen.

Wir siegten leider nicht. Tausende Oberschüler und Studenten wurden schikaniert, geschasst und relegiert, weil sie dieses Zeichen trugen und wir als Kirchen konnten sie nicht ausreichend schützen. Viele haben damals daran gelitten. 

Die Vernetzung unserer Friedensdekade zur bundesdeutschen Friedenswoche war mangelhaft. Zu unterschiedlich waren die Akteure. Während in der DDR die Themen, Veranstaltungen und Materialien wesentlich von der kirchlichen Jugendarbeit initiiert, von den Basisgruppen und Gemeinden aufgenommen und von den Kirchenleitungen gefördert wurden, standen sie in der Bundesrepublik in Trägerschaft von Organisationen, die zum Teil von den verfaßten Kirchen mißtrauisch beäugt wurden. Pax Christi, Ohne Rüstung leben, Christen gegen den Atomtod, die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner und der DKP-nahe Krefelder Appell verantworteten bis Ende der 80er Jahre die Friedenswochen. Gemeinsame Aktivitäten von Ost und West gab es nur dort, wo es über Gemeindepartnerschaften Kontakt zu westdeutschen Friedensgruppen gab und diese uns besuchten. Verbindend war lediglich die gemeinsame Ordnung eines Friedensbittgottesdienstes, der ab 1983 von EKD und Kirchenbund den Gemeinden empfohlen wurde.

 

2. Friedensdekade und friedlicher Umbruch im Herbst 1989.

Die Aktivitäten der Friedensdekaden in der DDR bündelten die Potenziale von Wehrdienstverweigerern, der sogenannten Offenen Arbeit, Friedensgruppen, anderen Basisgruppen wie „Ärzte für den Frieden“ oder die Initiative „Friedens und Menschenrechte“ mit der gemeindlichen Ebene. Dadurch wurden sie ein informelles Netzwerk, das mit unterschiedlichsten Basisveranstaltungen wie Friedenswerkstätten und Friedensseminaren jeweils dem Höhepunkt im November entgegen agierte und lebte. Ich behaupte, die Friedensdekadenarbeit und der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung waren die maßgeblichen sozialen Bewegungen in der DDR, welche den gewaltfreien Umbruch im Herbst 1989 vorbereitet, logistisch mitverantwortet und getragen haben. Hier war eine integrierende Bewegung entstanden, die bereits ab Mitte der 80er Jahre über den Radius der Kirchen hinaus wirkte. Es gab Querverbindungen zu nicht kirchlichen Akteuren, auch SED-Dissidenten wie Wolfgang Templin, Vera Wollenberger und Rolf Henrich. Und diese Querverbindungen wirkten wieder zurück in Aktivitäten wie den Arbeitskreis Solidarische Kirche, die Werkstätten der Offenen Arbeit und den Kirchentag von Unten. Hier entwickelten sich die Kontakte, die später die Gründungen vom Neuen Forum und anderen Bürgerbewegungen ermöglichten.

Das Jahr 1989 selbst war von Anfang an von Auf- und Umbruchsstimmungen geprägt. Es begann im Januar mit Verhaftungen in Berlin  und anderen Städten. Im April verabschiedete die Ökumenische Versammlung trotz Stasi-Druck auf den sächsischen Bischof Hempel in Dresden ihr Abschlußdokument. Bei der Kommunalwahl im Mai erlebten wir zum ersten Mal in einigen Städten großflächige Kontrollen der Stimmauszählung durch Basisgruppen. Und im Juli führte die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China zu Protesten, u. a. zu wochenlangen Mahnwachen vor der Berliner Zionskirche.

Die Vorbereitungsgruppe des Friedensdekadenmaterials stand vor einem Dilemma. Sie war sich unschlüssig, wie man verfahren solle. Gibt man im Sommer eine normale Dekadenmappe heraus und erweckt den Eindruck, im November gäbe es eine ganz „normale Dekade“? Oder wäre nicht ein Kompakttext besser, verbunden mit der Aufforderung an die Gemeinden, im Herbst vor Ort auf aktuelle Ereignisse aktuell zu reagieren? Die Vorbereitungsgruppe entschied sich für letzteres. Es erschien im August ein lediglich fünfseitiges Papier mit sechs kurzen biblischen Besinnungen zum Thema: „Kain und Abel und was es heißt, ein Mensch zu sein“, verbunden mit einem Aufruf zur Gewaltfreiheit.

Im August fragten wir uns dann bang, ob zu den Veranstaltungen der Dekade im November überhaupt noch jemand käme, oder ob dann nicht die meisten Akteure in den Gefängnissen säßen. Im Oktober freuten wir uns über Tausende in unseren Kirchen und erhofften den selben Zustrom auch zur Friedensdekade. Bekannterweise hat uns der Genosse Günter Schabowski da einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Massen waren Mitte November schon in Helmstedt im Aldi. Der damalige Dessauer Kreisoberpfarrer Alfred Radeloff hat darüber einen beklemmenden Essay geschrieben.

 

3. Ost und West wächst zusammen.

Nach diesen Ereignissen war jeder in Ost und West erst einmal so mit den eigenen Veränderungen beschäftigt, daß eine gesamtdeutsche Friedensdekade 1990 gar nicht in den Blick kam. Auch 1991 wurden Dekade und Friedenswoche noch getrennt von den unterschiedlichen Trägern vorbereitet. Erste Kontakte zwischen der Trägergruppe West und dem Sekretär der Kommission Kirchliche Jugendarbeit Ost, Rudi Pahnke, im Frühjahr 1991 fuhren sich fest. Erst der Zusammenschluß der Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen in Ost- und Westdeutschland führte im Oktober 1992 dazu, daß die Trägergruppe Ökumenische Dekade Frieden in Gerechtigkeit vorschlug, ein gesamtdeutsches „Gesprächsforum Ökumenische Friedensdekade“ zu bilden.

Ich habe diese Geburtswehen von Anfang an miterlebt und erinnere mich, wie mühsam die Annäherung war. Knackpunkt war die Zusammensetzung des Gesprächsforums: die ACK drängte auf einen Delegiertenschlüssel ihrer Mitgliedskirchen; die Trägergruppen Pax Christi, Pro Asyl, Aktion Sühnezeichen, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden und andere wollten paritätisch als Basisinitiativen vertreten sein. Hier zeigte sich wieder der gravierende Unterschied: In der ehemaligen DDR waren die Basisgruppen und Initiativen viel stärker in Kirche integriert als im Westen. Es war ein zähes Ringen damals; oft bin ich frustriert von Hannover oder Kassel nach Hause gefahren.

1994 hatte sich dann die Trägergruppe endlich konstituiert und 1995 gab es die erste gemeinsame Ökumenische Friedensdekade mit einem zentralen Motto und einer gemeinsamen Materialmappe. Die Arbeit im Gesprächsforum war nun geprägt vom konstruktiven Miteinander solch profilierter Leute wie dem ehemaligen Geschäftsführer der Ost-ACK, Pastor Martin Lange, dem damaligen Pax-Christi-Generalsekretär Jochen Garstecki und dem langjährigen Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft „Dienst für den Frieden“, Ulrich Frey. Die Themen der ostdeutsche Gruppen und Initiativen waren konstant vertreten durch ostdeutsche Landesjugendpfarrer und Landesfriedenspfarrer.

Von da an befand sich die gesamtdeutsche Friedensdekade - trotz mancher Höhen und Tiefen - auf einem guten Weg zum Wohle der Gemeinden und zum Nutzen der friedensethischen Debatte.

Wie man sich die Zukunft dieser Dekade auch noch ganz anders vorstellen kann, dazu wird Bernd Winkelmann jetzt noch etwas sagen.

Meine Zeit ist bereits grob überschritten, und vieles ist trotzdem nur verkürzt angerissen. Deshalb: Einzelheiten lesen Sie bitte nach in dem vor 10 Jahren von mir herausgegebenen Büchlein „20 Jahre Friedensdekade“, erhältlich bei ACK und AGDF.

Wenn die heute schon gesetzte Dame Friedensdekade in zehn Jahren mit 40 in die Wechseljahre gerät und Du mich dann noch mal einlädst, Wolfgang, dann gib mir bitte 60 Minuten Zeit.

Danke für’s zuhören.

8. 11. 2009, Uwe Koch