Seit 1978 findet jeden Donnerstag 17 Uhr in der Lorenzkirche Erfurt das Friedensgebet statt. 

Erfurter Friedensgebet

Es ist das älteste kontinuierliche Friedensgebet in den heutigen östlichen Bundesländern und findet noch immer jeden Donnerstag 17.00 Uhr in der römisch-katholischen St. Lorenzkirche statt. Die Kirche ist in Erfurt zentral gelegen an der Kreuzung aller Straßenbahnlinien am Anger. Es entstand nicht aus einer Friedensdekade heraus wie andernorts, sondern noch vor diesen als Reaktion auf die Einführung des Wehrkundeunterrichts im Schuljahr 1978/79.

Nachdem die Mitinitiatorin Ilse Neumeister, damals Mitarbeiterin im Evangelischen Jungmännerwerk Thüringen, gerüchteweise von dem Vorhaben des DDR-Volksbildungsministeriums gehört und einen Gesprächskreis der Predigergemeinde darüber informiert hatte, schrieb ein Erfurter Oberarzt mehrere kritische Eingaben an die Ministerin für Volksbildung, die ohne Antwort blieben. Daraufhin - inspiriert durch Reinhold Schneiders Gedichtzeile „Allein den Betern kann es noch gelingen / das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten“ - regte seine Frau zunächst die Bildung eines Kreises „Frauen beten für den Frieden“ an. Dabei legte sie Wert auf einen öffentlichen Sakralraum. Die beheizbare Lorenzkirche, zentral in der Stadtmitte gelegen, bot sich dafür an, und der Pfarrer stellte sie bereitwillig zur Verfügung. So wurde der ökumenische Charakter der Gebetsinitiative noch deutlicher, die sich auf Vorschlag von Dieter Oberländer (Jungmännerwerk) seit ihrem Beginn am 7. Dezember 1978  Friedensgebet nannte.

Einen festen Teilnehmerkreis bildeten vorwiegend ältere Frauen, aus aktuellen Anlässen immer wieder erweitert durch eine größere Teilnehmerschaft. Die Liturgie ist schlicht und flexibel; sie besteht aus einem oder wenigen Liedern, Vaterunser, dem franziskanischen Gebet „Herr, mach mich zum Werkzeug Deines Friedens“ und aktuellen Fürbitten. Dazu kommt oft die Information über aktuelle Entwicklungen. Dabei kann es um Wehrdienstleistende oder Verweigerer, Aufrüstung, Raketenstationierung oder militärische Konflikte gehen, aber auch um andere Themen von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

Während der Friedensdekaden in den 80er Jahren wurden die Friedensgebete ausgedehnt auf ein ununterbrochenes Gebet, das mit vielen Vorbetenden rund um die Uhr stattfand. Ilse Neumeister führte einen Kalender für die jeweils Verantwortlichen. Erst  Mitte der 80er Jahre etablierte sich ein koordinierender Friedensgebetskreis, in dem auch Pfarrer i. R. Karl Metzner mitarbeitet.  Derzeit hat diese Aufgabe Diakon Matthias Sengewald übernommen. 

Aus der Kirche auf die Straße

Im Oktober 1989, als sich auch in einigen Erfurter Kirchen bereits die Bürgerbewegungen formierten, war mehr als ungewiss, ob die Machthaber zur angedrohten chinesischen Lösung greifen würden, wenn die Proteste auf die Straße gingen. Am 14. Oktober kündigten ein evangelischer und ein katholischer Theologiestudent gemeinsam im Jungmännerwerk an, dass sie nach dem nächsten Friedensgebet einen Gang der Betroffenheit zur Andreaskirche planten. Gegenüber war das Stasi-Gebäude. So kam es zur ersten mutigen Demonstration mit ca. 200 Personen. Wie ein Lauffeuer sprach sich herum: Nächsten Donnerstag 17.00 Uhr erst Friedensgebet - dann Demo!  So wurde am 26. Oktober zusätzlich in die Predigerkirche, ab der nächsten Woche in vier Innenstadt-Kirchen – Lorenz-, Kaufmanns-, Prediger- und Wigbertkirche - zum Friedensgebet eingeladen, bevor die Menschen mit brennenden Kerzen in den Händen als Demonstrationszug zur Kundgebung auf den Domplatz zogen. "Keine Gewalt!" Dieser Ruf und der Geist der Gewaltlosigkeit war mit ihnen.      

Auszug aus "Friedensarbeit und Friedensgebete – spirituelle Wurzeln der Friedlichen Revolution 1989/90" von Aribert Rothe (in: Stadt und Geschichte Zeitschrift für Erfurt, Nr. 43 03/09, 12f.), ergänzt von Matthias Sengewald.