Seit den 30er Jahren des 20. Jhd. ist das Kugelkreuz Zeichen der Evangelischen Jugend.

Das Kugelkreuz ist keine Neuschöpfung; es hat eine lange Geschichte und taucht erstmals im 6. Jahrhundert auf einer Amborverkleidung (Relief) in Ravenna auf. In St. Petersburg wird ein Medallion aus dem 6. Jahrhundert aufbewahrt, das byzantinischer Herkunft ist und ein hoch aufragendes Kreuz auf einer kreisrunden Scheibe erkennen lässt. Es ist ein Triumphkreuz, das von zwei Engelgestalten flankiert wird. Die christliche Ikonographie macht keine eindeutigen Angaben zur Deutung dieses Symbols. Im frühen Mittelalter bereits gab es das Symbol als Kugel verbunden mit dem Kreuz und kann in dieser Zeit noch nicht als Erdkugel verstanden werden. Das ptolomäische Zeitalter kannte die Erde nur als Scheibe. Es ist naheliegend, daß die Kugel, die das Kreuz trägt, abgeleitet ist vom Apfel. Der altjüdische Mythos berichtet im Alten Testament, daß der Apfel die unheilbringende Frucht aus dem Paradies sei. In der Hand des Jesuskindes, seit dem 11. Jahrhundert nachweisbar, ist der Apfel das Symbol der Überwindung und Erlösung von der Sünde. Bei spätgotischen Madonnenfiguren taucht die kombinierte Form als Kreuz auf der Kugel ebenfalls auf und steht im gleichen Deutungszusammenhang.

Als goldener Reichsapfel, zu den Insignien der weltlichen Herrscher gehörend, darf ein ähnlicher Zusammenhang gesehen werden. Er symbolisiert zweierlei: das Beherrschen der „Verderbtheit der Menschen“ mit königlich/kaiserlicher, von Gott abgeleiteter Macht, aber auch die Verführbarkeit des Menschen durch Macht als ständige Gefährdung wird angemahnt. Die Begrenzung der Schuldverflochtenheit des Menschen ist des Herrschers von Gott abgeleitete Aufgabe. Über der Reichsmacht steht die Antwort fordernde Macht Gottes; der Mensch ein verantwortliches Wesen.

Weltliche Rechtsprechung (justicia) wird mit dem Symbol der Waage dargestellt. Der Heilige Antonius wird gelegentlich dargestellt mit einer Waage, in deren einer Schale ein Apfel liegt, das „Gewicht der Sünde“ symbolisierend.
Es gibt aber bereits im frühen Mittelalter auch die andere Deutung: das im Weltkreis stehende und diese Scheibe überragende Kreuz. Der Kreis ist dort in drei Sektoren aufgeteilt (zwei Viertelsektoren und ein Halbkreissektor). Der Mittelpunkt des Kreises, bei dem das Kreuz aufzuragen beginnt, deutete auf Jerusalem, damals verstanden als Mittelpunkt der Welt, Europa als Halbkreissektor, Asien und Afrika je als Viertelkreissektor. Dieses Symbol verdeutlicht das Verständnis: Christus eint die bewohnte Erde, die "oikumene."

Damit sind wir sehr dicht an der Deutung dieses Zeichens für die Evangelische Jugend. In der Zeit der Auseinandersetzung zwischen den sogenannten „Deutschen Christen“ und der „Bekennenden Kirche“, in der Zeit des Hitlerfaschismus, wurde das Symbol „Kugelkreuz“ zum Ausdruck dessen, was im Barmer Bekenntnis der „Bekennenden Kirche“ von 1934 (besonders These 2) formuliert wurde. Mit Bezug auf 1. Korinther 1, 30 heißt es dort:

„Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. - Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heilung durch ihn bedürften.“

Es war die Evangelische Jugendkammer der Bekennenden Kirche, die das Symbol Kugelkreuz zum Bekenntniszeichen der evangelischen Jugendarbeit auswählte. Die Initiative lag bei dem damaligen Leiter des Burckhardthauses, Pfarrer Otto Riethmüller und dem der christlichen Tradition des Kunsthandwerks verpflichteten Künstler Rudolph Koch. Otto Riethmüller wurde kurz vor der Auflösung einer Anzahl evangelischer Jugendverbände, bzw. der Eingliederung der Reste der Evangelischen Jugend in die Hitlerjugend, Vorsitzender der Jugendkammer der Bekennenden Kirche. Mit dem Tragen dieses Symbols war eine entschiedene Haltung gegen Versuche der Nationalsozialisten verbunden, eine gleichgeschaltete evangelische Reichskirche zu schaffen.

Am 4. März 1934 waren die evangelischen Verbandsjugendgruppen, (wie auch die zahlreichen anderen zu dieser Zeit in Deutschland bestehenden Jugendverbände) in die Hitlerjugend vom NS-Staat zwangsweise eingegliedert worden. Auch wenn viele gegen diese Auflösung ihrer selbständigen Jugendarbeit heftigst protestierten, so konnten sie doch an dem Sachverhalt nichts mehr ändern. In Bayern, wie in anderen Landeskirchen auch, bestand die Lösung darin, dass man auf eine feste Mitgliedschaft überhaupt verzichtete, und somit die evangelischen Jugendlichen vom Zwang befreite, der Hitlerjugend beizutreten. Viele begrüßten die neue Bewegung jedoch zunächst begeistert. Übergriffe der Hitlerjugend auf Veranstaltungen der evangelischen Gemeindejugend trugen mit dazu bei, dass sich unter den verbliebenen evangelischen Jugendlichen allmählich zunehmend eine Distanz zum NS-Staat aufbaute. Der Widerstand entzündete sich jedoch hauptsächlich an der Frage nach der Eigenständigkeit. Eine politische Kritik wurde öffentlich erst nach 1945 geübt.

Nach der Zerschlagung des Faschismus in Deutschland und dem Ende des zweiten Weltkrieges übernahm die „Ordnung der Evangelischen Jugend in Deutschland“ im Mai 1946 das „Kugelkreuz“ als Zeichen der Evangelischen Jugend. "Das Zeichen der Evangelischen Jugend Deutschlands (EJD) ist das Kreuz auf der Weltkugel. [...] Das Recht der Verleihung besitzt die Jugendkammer der Evangelischen Jugend Deutschlands. Sie kann sowohl durch die Jugendkammern, als auch durch die ihr angeschlossenen Werke oder durch andere ihr zugehörige Stellen das Zeichen ausgeben lassen.
Das Zeichen kann an alle Glieder der EJD vom Tage der Konfirmation an verliehen werden, soweit sie sich treu zu Gottes Wort halten. Jugendliche unter 16 Jahren sollen vorher ein Jahr hindurch einen evangelischen Jugendkreis regelmäßig besucht haben."
Zu dem Zeichen gab es eine Berechtigungskarte, die jedem Träger des "Kreuzes auf der Weltkugel" namentlich ausgestellt wurde. Auf ihr fand sich der Bibelvers: "Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat." (1. Joh. 5,4) Dieser Satz schließt unmittelbar an den Vers an, den Otto Riethmüller mit dem Kugelkreuz verband. Am 28.1.1947 beschloss die Jugendkammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Bethel „Bestimmungen für die Ausgabe des Zeichens der Evangelischen Jugend Deutschlands“.

In den westdeutschen Landeskirchen (BRD) erhielten die evangelischen Jugendlichen das „Kugelkreuz“ als Anstecknadel zusammen mit der „Verleihungskarte“, sofern man Mitglied einer Gliederung der Evangelischen Jugend war.

In den ostdeutschen Landeskirchen (ehemalige DDR) gab es keine Mitgliedschaft in einem Verein oder Verband. Durch Taufe und Konfirmation gehörte man zu einer Gemeinde, war eingeladen zur „Jungen Gemeinde“ und erhielt die Anstecknadel in der Regel nach einem Jahr regelmäßiger Teilnahme an den Veranstaltungen der „Jungen Gemeinde“ in einer gottesdienstlichen Veranstaltung (Monatsrüste o.ä.) überreicht.

Angesichts des Alleinvertretungsanspruchs der FDJ (Freie Deutsche Jugend), stand in der Zeit der DDR mehrfach zur Diskussion, ob sich hinter der Bezeichnung „Junge Gemeinde“ möglicherweise eine zweite Jugendorganisation verberge, die es zu verbieten gelte. Besonders schwerwiegende Auseinandersetzungen gab es in den Jahren 1952/53 und 1958 mit Lehrern und FDJ-Sekretären, die nicht selten mit Schulverweisen von den Oberschulen endeten und bis 1961, dem Bau der Mauer, zu einem Wechsel des Wohnortes in die Bundesrepublik Deutschland führten. Angesichts einer sich massiv und militant formierenden atheistischen Propaganda war das Tragen der Anstecknadel ein öffentliches Bekenntnis zur Botschaft des Evangeliums und auch ein Protest gegen Ignoranz und Intoleranz der gesellschaftsformenden Machthaber der DDR.

Bekenntnis-, Verbands- und Qualitätszeichen der Evangelischen Jugend ist das Kugelkreuz in "Ost" und "West" bis heute geblieben. Unter diesem Zeichen ist die „Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.“ der jugendpolitische Zusammenschluss aller evangelischen Verbände und Strukturen (Junge Gemeinde, Kreis- und Landesjugendkonvente, Ämter für Kinder- und Jugendarbeit der evangl. Landeskirchen, CVJM, EC, VCP, RMJ). Heute ist das Tragen der Anstecknadel etwas „aus der Mode“ gekommen. Zeitweise wurde es in der Evangelischen Jugend von Jugendlichen ausgetauscht mit dem starken Symbol der „Schwerter zu Pflugscharen“, das in der evangelischen Jugendarbeit der Evgl. Luth. Landeskirche in Sachsen/Dresden 1980 entstanden ist und jedes Jahr im November in der Ökumenischen FriedensDekade auf brennende Weltprobleme hinweist.

Die landeskirchliche Jugendarbeit in der EKM hat 2009 diesen Brauch wiederbelebt. Alle Pfarrerinnen und Pfarrer der Landeskirche wurden angeschrieben und die Idee für eine Konfirmand(inn)enkarte mit Kugelkreuzansteckern mit einer Musterkarte vorgestellt.
Die Resonanz auf die Karte war riesig. Im März wurden 5000 Karten mit den Kugelkreuzpins verschickt. Zwischen Palmsonntag und Pfingsten haben rein rechnerisch alle Konfirmand(inn)en der EKM eine Karte mit einem Grußtext der Bischöfin Ilse Junkermann und der Landesjugendpfarrerin Dorothee Land bekommen. Im nächsten Jahr soll diese Aktion wiederholt werden.

Mit beiden Symbolen wissen sich evangelische Jugendliche getragen von der befreienden Botschaft Jesu von Nazareth und suchen in der Beschäftigung mit den Worten der Bibel ihren Weg zu gelingendem Leben und zur Wahrnehmung von Verantwortung in Kirche und Gesellschaft.

Gerhard Bemm, ergänzt von Matthias Sengewald