Geschichte der (Evangelischen) Jugendarbeit...

1. Kurzer Abriss der Geschichte der Jugend(verbands)arbeit bis 1990

1.1. Der Beginn der Entstehung von Jugendverbänden

liegt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die beginnende Industrialisierung brachte das Problem "Jugend" in die Gesellschaft - sichtbar durch die "herumstreunenden" und verwahrlosenden Kinder und Jugendlichen. Engagierte Leute, aus christlichem oder einfach menschlichem Gewissen, nahmen sich ihrer an, oft gründeten sie dazu einen Verein. Daraus wurden zum einen Wohlfahrtsorganisationen, die diese Kinder und Jugendlichen in der „Jugendpflege“ „betreuten“, aber es gab auch die, in denen "Jugend für Jugend" selbst tätig wurde. Diese Formel "Jugend für Jugend" ist sinngemäß in den Satzungen fast aller Jugend-Verbände zu finden; es gab also am Anfang kaum "Hauptamtliche", sondern "Ehrenamtliche". Ehrenamtlich heißt aber auch, dass engagierte Leute, die oft in Erzieherberufen tätig waren (Lehrer, Pfarrer, damals verstand man darunter auch Offiziere) sich dem Anliegen der Jugendlichen annahmen. Diese Verbände waren alle "Werten" verpflichtet: die Christlichen Jünglings- und Mädchenvereine dem christlichen Glauben, Arbeiterjugendverbände sozialistischen Idealen, die Pfadfinder einer naturverbundenen Lebensweise im verschworenen Bund… Alle diese Verbände entstanden in einem bestimmten "Milieu"; dem christlichen, der Arbeiterschaft ... Das prägt diese Verbände, zugleich prägen sie aber auch dieses Milieu - als eine Quelle und Ziel ihres Verbandes. Die Jugendlichen wachsen "auf dem eigenen Mist" zu den ehrenamtlichen Mitarbeitern heran, die dann genau diesen "Stallgeruch" um sich verbreiten. Erst später kommen hauptamtliche "Führer", "Jugendwarte", dazu, um "Ehrenamtlichen-Schulung" zu betreiben.

In der NS-Zeit wurden diese Verbände - oft unter Ausnutzung ihrer Prägung - zur "Hitlerjugend" und dem „BDM“ (Bund Deutscher Mädchen) gleichgeschaltet, notfalls zwangsweise. Nur sehr wenige – z.B. Jungmännerwerks (heute CVJM) und katholische Gruppen, aber auch solche im Arbeitermilieu, versuchen ihre relative Eigenständigkeit in heimlichen Treffen zu behalten. 

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1.2. Im Gebiet der alten Bundesrepublik

reorganisieren sich diese Verbände 1945 wieder auf ihrer bewährten ehrenamtlichen Basis. Die wertetragenden "Milieus" sind weitgehend noch vorhanden und prägen sich dadurch wieder. Die Jugendverbände werden (relativ) mächtig und vertreten ihre Interessen in Zusammenschlüssen wie dem Bundesjugendring.

Zugleich beginnen aber die westlichen Besatzungsmächte mit ihrer "reeducation", der "Umerziehung". Junge englische und amerikanische Soldaten betreiben "offene Treffs", wo Jugendliche hingehen können, sich treffen, amüsieren. Der "American Way Of Life" zieht Jugendliche an - und prägt sie um. Daraus entsteht das Konzept der "Häuser der offenen Tür". Hier arbeiten von Beginn an "Angestellte". Die Professionalisierung der Jugendarbeit beginnt. Diese "offenen Treffs" werden zum einen zu kommerziell geführten Discos usw., zum anderen zu den anfangs meist von den Kommunen betriebenen Häusern der offenen Tür. Jugendverbände sehen das skeptisch, ja bekämpfen es anfangs sogar mit dem Vorwurf, daß die Jugendlichen dort "verzogen und nicht "erzogen" werden.

Dennoch setzt sich das Konzept mehr und mehr durch und wird auch von den Verbänden übernommen. Die berufliche Arbeit in den offenen Treffs wird mehr und mehr qualifiziert zur Jugendsozialarbeit mit dem Berufsbild des Sozialpädagogen. Die Verbände ziehen weitgehend nach und stellen auch immer mehr hauptamtliche Mitarbeiter/innen ein. Ihren (vorläufigen) Gipfel findet diese Entwicklung im neuen Kinder- und Jugendhilfegesetz, das sofort am 3. Oktober 1990 in den neuen und am 1. Januar 1991 in den alten Bundesländern in Kraft trat. Dieses Gesetz beschreibt alle Bereich der Jugendhilfe, auch die verbandliche und offene Jugendarbeit als „Leistung“ und fordert von den freien und öffentlichen Trägern der Jugendhilfe Leistungserbringung.

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1.3. Im Gebiet der ehemaligen DDR

versuchen sich anfangs auch die Verbände zu reorganisieren. Die evangelischen Verbände - Jungmännerwerk, Mädchenwerk, Schülerarbeit - bilden sich wieder. Eine Organisation als Verein war aber in der Sowjetischen Besatzungszone durch die Militäradministration nicht erlaubt. Deshalb arbeiten sie eng mit der Kirche zusammen und konstituieren sich als "Werk der Kirche". Lediglich in Thüringen war es in den Wirren der Anfangsjahre gelungen, das Jungmännerwerk als Verein einzutragen. Aber auch die gemeindliche Jugendarbeit versteht sich als zur Kirche gehörender Verband: Die „Junge Gemeinde“, und die teilweise feierliche Verleihung des „Kugelkreuzes“ als Abzeichen ist faktisch Aufnahme in den Verband. Die bald in allen Landeskirchen gebildeten „Jugendkammern“ und die eingesetzten Landesjugendpfarrer bilden die strukturelle Vernetzung mit der Kirchenleitung.

Zugleich faßte aber der Gedanke einer großen Gemeinschaft der Jugend, eine gemeinsame Jugendorganisation ohne Unterschiede von Parteien und Konfessionen, Raum. Bereits Anfang 1946 gibt es Gespräche, Ende Februar wird die Zulassung der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) bei der SMA (Sowjetische Militäradministration) beantragt. Die Gründungsurkunde vom 26. 2. 1946 war auch von Oswald Hanisch für die evangelische und Robert Lange für die katholische Kirche unterschrieben worden, trotz der schon damals in Einzelfällen vorgekommenen Beeinträchtigungen oder gar Verbote kirchlicher Veranstaltungen. Während des 2. Parlamentes 1947 in Meißen gehörte ein großer Ökumenischer Gottesdienst zum Programm, der auch von Nichtchristen besucht wurde. Aber die Politik der „Gruppe Ulbricht“ brachte es mit sich, daß sich schon 1948 die „bürgerlichen“ Parteien, und beim FDJ-Parlament 1949 in Leipzig auch die Kirchen offiziell zurückzogen. Die kirchliche Jugendarbeit sollte sich als Sparte „Arbeitsgemeinschaft Religion“ unter einer SED-bestimmten Jugendorganisation, ähnlich wie die CDU in der „Nationalen Front“, eingliedern, das war die Politik von Erich Honecker (damals FDJ-Vorsitzender), Hermann Axen und Margot Feist (später Honecker). Aber die Kirchen bestanden auf ihrer Eigenständigkeit. Es folgte der erste harte Konflikt mit der DDR-Regierung, die von nun an nur den „einheitlichen Jugendverband“ postulierten. Der Konflikt sollte die ganzen Jahre des Bestehens der DDR anhalten. 1953 die Verfolgung der Jungen Gemeinde als „Tarnorganisation für Kriegshetze, Sabotage und Spionage im USA-Auftrag“, die Verfolgung der Rüstzeit(Freizeitfahrten)arbeit in den 60er Jahren, die ab den 70ern beginnenden Auseinandersetzungen um „Offene Arbeit“ und den Einsatz für „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“.

Damit waren die kirchlichen die einzigen Verbände, die nicht integriert wurden, evangelische „Junge Gemeinde“, „Jungmännerwerk“ und weitere „Werke“, katholische „Pfarrjugend“ mit verschiedenen Verbänden. Die anderen Jugendzusammenschlüsse waren bis Anfang der 50ziger Jahre in die Pionier- und FDJ-Organisationen als einheitlicher Jugendverband integriert - wieder notfalls zwangsweise. Diese Jugendarbeit war unmittelbar mit der Schule verflochten, vieles lief als „Arbeitsgemeinschaft“ in schulischen Räumen, seltener wurde über die Schule in anderswo stattfindende Gruppen des „DTSB“ (Deutscher Turn- und Sportbund der DDR), der „GST“ (Gesellschaft für Sport und Technik) u.a. vermittelt.

Die Evangelische Jugend wurde aber in die Institutionen Kirche (Jugendpfarramt, Jungmännerwerk, Seelsorgeamt) eingebaut. Die Kirche ist „schützendes Dach“ und „ordnende Hand“ zugleich. Ein verbandliches Verständnis ging so verloren, zumal die Kirchen ihre Jugendgruppen als „Sammlung der bekennenden Jugend“ verstanden und keine Mitgliedsbeiträge o.ä. erhoben, auch wenn Mit-, oft sogar Selbstbestimmung der Gruppen prägend bleibt, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass die Freiwilligkeit der Teilnahme systembestimmend war.

Auch hier ist anfangs das Milieu Nährboden der Arbeit. Die in der zweiten Hälfte der 50ziger Jahre forcierte Jugendweihe als Gegenveranstaltung zur Konfirmation, die Verbote und Strafen bei Rüstzeiten in den 60ziger Jahren usw., überhaupt die fortschreitende Säkularisierung weichten dieses Milieu zunehmend auf.

Andererseits wurde die kirchliche Jugendarbeit zunehmend der Ort, wo man kritische Gedanken äußern und ein Stück weit leben konnte. Das brachte der kirchlichen Jugendarbeit ab den 70iger Jahren Zulauf, bis hin in die 80er Jahre zu den kritischen Basisgruppen. Diese Jugendarbeit war damit "Oase", aber auch "Nische" - wesentlich getragen durch ehrenamtliche Arbeit, unterstützt, aber auch oft initiiert durch hauptamtliche Mitarbeiter. Die demokratische ehrenamtliche Vertreterstruktur nicht zuletzt gegenüber Kirche, aber auch zur eigenen Bestimmung von Form und Inhalt gewinnt an Gewicht.

Denn sie hatte es in der "Amtskirche" oft auch schwer, die neuen Ansätze in missionarischer Richtung genauso wie in sozialdiakonischer Richtung wurden keineswegs nur freudig begrüßt.

Der Weg der Kirchen in der DDR zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen religiösem Rückzug „christliche gebundener Bürger“ (CDU-Ost) und „kritischer Solidarität“ (Propst Dr. H. Falcke), zwischen oft noch von monarchischem Denken geprägter Verweigerung und apolitischer „Gemeinschaft der Jünger Jesu“, diese Konflikte der „Kirche im Sozialismus“ wurden in der Jugendarbeit immer wieder am deutlichsten. Und die Kirchenleitungen suchten den Weg zwischen einer „Beschützerin“ der Jugendarbeit und der Unterwerfung unter staatliche Auflagen. Dieses Verständnis, das aufweichende kirchliche Milieu, der staatliche Druck und die allgemeine Zunahme der Unverbindlichkeit Jugendlicher brachten auch in der kirchlichen Jugendarbeit zunehmend Probleme - die Arbeit der klassischen verbandlichen Ehrenamtlichen wurde weniger. Zugleich erwuchs ein größer werdendes Potential gesellschaftlich engagierter Laien und auch hauptamtlicher Mitarbeiter, das letztlich in der „friedlichen Revolution“ 1989 mündete, wo gerade wieder die Jugendarbeit fast durchgehend “mitmischte“ und ihre gelebte Erfahrung in Demokratie, Selbstbestimmung und Kommunikation einbrachte.

Die Kirchen hatten auch ihre eigenen gemeindepädagogischen Ausbildungen aufgebaut, deren Qualität trotz ungünstiger äußerer Bedingungen sehr hoch war; diese Abschlüsse wurden im Vergleich zu den Altländern fast durchweg als FH-Diplom anerkannt.

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1.4. Die staatliche Verbandsjugendarbeit der FDJ und Pioniere

hatte im Wesentlichen zwei Seiten:

Zum einen vollzog sie sich in Übereinstimmung mit der Ideologie. Jugendliche waren echt als junge „Sozialisten“ aktiv. Die Ideale einer Sozialistischen Gesellschaft und des Marxismus haben auch in der DDR Jugendliche ergriffen,und sie fanden sie in dieser DDR wieder. Spätestens jedoch mit Beginn der 80iger Jahre wurde diese Übereinstimmung immer geringer. Die mangelnde Kritikfähigkeit des Staates schlug auch in den Jugendorganisationen durch und trieb die Jugendlichen zunehmend dazu, sich „herauszuhalten“, innerlich abzuwenden oder gar andere eigenen Wege zu gehen.

Andererseits lief unter der "Fahne der FDJ“ Jugendleben: in selbstverwalteten Jugendclubs, Bands, Interssengemeinscahften usw. Auch hier wurde vieles ehrenamtlich getragen. Der ideologische "Schmus" wurde als Pflichtaufgabe notgedrungen erledigt, wenn das vorbei war, ging man zum „Eigentlichen“ über - eine andere Form der "Nische".

Für die FDJ- und Pionier-Arbeit standen erhebliche finanzielle Mittel und ein Apparat von hauptamtlichen Funktionären bereit, von dem aber in diesen Nischen oft genug wenig zu spüren war - höchstens bei offiziell getragenen Großveranstaltungen, wo dann doch vieles Platz hatte, und bei der Ausstattung mit Räumen und Geräten. Eine verbandliche Identität jedoch gab es allenfalls vorübergehend und nur minimal. Die meisten haben diese Organisationsstruktur genauso als "freiwillige Pflicht" erlebt, wie vieles andere auch. Die ehrenamtliche Aktivität ging hier kontinuierlich zurück. Auch die hauptamtlichen Kader haben zunehmend mehr den Eindruck vermittelt, daß ihre Arbeit ein ganz einträglicher Job oder eine brauchbare Stufe der Karriereleiter ist als denn "ihr Ding".

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Exkurs 1 - Das Kugelkreuz als Bekenntniszeichen

(Text von Gerhard Bemm > vollständiger Text)

In der Zeit der Auseinandersetzung zwischen den sogenannten „Deutschen Christen“ und der „Bekennenden Kirche“, in der Zeit des Hitlerfaschismus, wurde das Symbol „Kugelkreuz“ zum Ausdruck dessen, was im Barmer Bekenntnis der „Bekennenden Kirche“ von 1934 (besonders These 2) formuliert wurde. Mit Bezug auf 1. Korinther 1, 30 heißt es dort: 'Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. - Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heilung durch ihn bedürften.' … Mit dem Tragen dieses Symbols war eine entschiedene Haltung gegen Versuche der Nationalsozialisten verbunden, eine gleichgeschaltete evangelische Reichskirche zu schaffen. Nach der Zerschlagung des Faschismus in Deutschland und dem Ende des zweiten Weltkrieges übernahm die „Ordnung der Evangelischen Jugend in Deutschland“ im Mai 1946 das „Kugelkreuz“ als Zeichen der Evangelischen Jugend. ... In den ostdeutschen Landeskirchen (ehemalige DDR) gab es keine Mitgliedschaft in einem Verein oder Verband. Durch Taufe und Konfirmation gehörte man zu einer Gemeinde, war eingeladen zur „Jungen Gemeinde“ und erhielt die Anstecknadel in der Regel nach einem Jahr regelmäßiger Teilnahme an den Veranstaltungen der „Jungen Gemeinde“ in einer gottesdienstlichen Veranstaltung (Monatsrüste o.ä.) überreicht mit den Worten aus 1. Johannes 5,4 „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“... Bekenntnis-, Verbands- und Qualitätszeichen der Evangelischen Jugend ist das Kugelkreuz in "Ost" und "West " bis heute geblieben. Unter diesem Zeichen ist die „Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e.V.“ (aej) der jugendpolitische Zusammenschluss aller evangelischen Verbände und Strukturen, aber auch alle anderen landeskirchlichen Jugendverbände und Zusammenschlüsse verwenden es.

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Exkurs 2 - die alltägliche „Erziehungsdiktatur“ DDR

Um die Diktatur der DDR zu begreifen, muss man sich klar machen, dass das politische Verständnis der SED-Regierung das gesamte gesellschaftliche bis hinein ins persönliche Leben durchzog. Dabei war diese Diktatur im Alltag keineswegs brutal, die diffizilen Wirkungsmechanismen wurden erst bei Abweichung von der vorgegebenen Norm wirksam.

Am deutlichsten war das in allen Bereichen, in denen es der Staat mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, denn die galt es „zu formen“. Lehrer waren „Sprachrohr des Staates“ und wurden als solche „geführt“, die Freizeitarbeit mit Kindern und Jugendlichen, organisiert von Pionierleiter/innen und hauptamtlichen FDJ-Funktionären sollte vollständig unter staatlicher Kontrolle sein. In der Schule war das Fach „Staatsbürgerkunde“ ab der 7. Klasse Unterrichtsfach, aber die ideologische Erziehung durchdrang alle geeigneten Fächer: Heimatkunde, Deutsch, „Geschichte“, Erdkunde, je selbst im Fremdsprachenunterricht war das ab der 5. Klasse für alle obligatorische Fach Russisch von den „heroischen Erfolgen“ unseres sowjetischen „Brudervolkes“ geprägt und im Englisch- oder Französisch-Unterricht war der „Klassenkampf der Arbeiter und Bauern“ Hauptinhalt der Texte. Ziel war es, „überzeugte Marxisten“ (natürlich im Sinne der marxistisch-leninistischen SED), treue Staatsbürger und „patriotische Internationalisten“ heranzuziehen.

Es ist klar, dass eine eigenständige kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen da keine Platz hatte, nicht haben durfte und deshalb immer wieder bekämpft werden musste. Dass sie nie ganz einfach verboten wurde, war wohl letztlich der unmittelbaren Nähe und den vielen persönlichen Beziehungen zur Bundesrepublik geschuldet, die solchen Vorgängen in der DDR immer wieder zu internationaler Öffentlichkeit verhalfen, und diese konnte die DDR-Führung auf ihrem Weg zur internationalen Anerkennung nicht gebrauchen.

Aber wichtiger ist, zu verstehen, dass dieses System ständiger staatlicher Bevormundung vor allem eines verlangte: Anpassung. Wer als Jugendlicher (und ebenso als Erwachsener) immer in den vorgegebenen Bahnen blieb, wenn auch innerlich ablehnend, hatte nichts zu befürchten. Der konnte es sich in der DDR gemütlich einrichten. Und viele haben den auf oktroyierten Verzicht auf eigene Meinung, auf bürgerliche Freiheit und Eigenständigkeit zunehmend nicht mehr wahrgenommen.

Die vielen Beweise gesellschaftlich opportunen Verhaltens wurden in allen Lebensstufen abverlangt: Der Eintritt in die „Pioniere“ und später „FDJ“; die Teilnahme an der Jugendweihe, die Teilnahme an den vormilitärischen „Hans-Beimler-Wettkämpfen“ bzw. der „GST-Ausbildung“ (Gesellschaft für Sport und Technik, vorwiegend auf vormilitärische Ausbildung ausgerichtet, bei der man aber z.B. auch die Fahrerlaubnis erwerben konnte), der Eintritt in die „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, den „FDGB“ (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund)… Wer an verantwortliche berufliche Tätigkeiten kommen wollte, musste oft eine Erklärung abgeben, dass er keine Kontakte in das NSW (Nicht-Sozialistisches Währungsgebiet, also der „Westen“) hat oder von ihm wurde der Eintritt in die SED erwartet, und wer letzeres partout nicht wollte, trat dann behelfsweise in eine der „Blockparteien“ ein (alle Parteien - neben SED, CDU, LDPD, NDPD, DBD, - und wichtigen gesellschaftlichen Organisationen - wie der FDGB - waren in der „Nationalen Front“ zusammengeschlossen und auf einheitliche Linie gebracht).

Wer sich so als "Sozialistische Persönlichkeit" erwartungsgemäß verhielt, wurde belohnt: Alle höheren Bildungswege und Karriereschritte wurden als vom Staat gewährte „Auszeichnung“ und nicht als selbstverständliches Recht gehandhabt. 

Auf die EOS („Erweiterte Oberschule“ bis zum Abitur) kam nur, wer nicht negativ aufgefallen war, auch wenn sie oder er beste schulische Leistungen vorweisen konnten. Die Verpflichtung, als „Soldat auf Zeit“ (3. Jahre) oder Berufsoffizier seinen „Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee“ zu leisten, zeitweilig auch die Verpflichtung als Lehrer/in (!), waren dagegen ein Türöffner für das Abitur, selbst bei mangelnden Leistungen. Studienplätze wurden zentral vergeben, eine Ablehnung wurde nicht begründet.

Aber wer abwich, wer seinen eigenen Weg gehen wollte, bekam unverzüglich die Diktatur zu spüren: „Tramper“, „Punker“ wurden wegen „asozialem Verhalten“ vor Gericht gestellt, wer die DDR „unberechtigt“ verlassen wollte sowieso, wer seine eigene Meinung vertrat oder sich als Christ bekannte, bekam ins Zeugnis geschrieben dass er sich noch „einen klaren Klassenstandpunkt erarbeiten“ müsse und musste damit rechnen, keine Zulassung zum Abitur, zum Studium, zu begehrten Berufsausbildungen zu bekommen. Wer die oben aufgeführten Ergebenheitsbeweise nicht erbrachte, hatte damit von selbst die Begründung der „Ablehnung zur Zulassung“ gegeben. Und wer gar die (nur ganz wenigen bekannte und außer in der kirchlichen Öffentlichkeit nirgends bekannt gemachte) einzige legale Möglichkeit, den Waffendienst in der NVA zu verweigern in Anspruch nahm und „Bausoldat“ (Soldat in der NVA, aber ohne Waffenausbildung) wurde, hatte – bis auf ganz wenige Ausnahmen – keine Chance mehr, einen Studienplatz zu bekommen.  

Dennoch ist es der DDR-Führung nie gelungen, ihre Ideologie zur Weltanschauung aller zu machen. Der Großteil nahm die Anpassungsforderungen als „freiwillige Pflicht“ hin, ohne sie innerlich zu vertreten (im deutlichen Unterschied zur NS-Zeit, in der zumindest anfangs der überwiegende Teil der Deutschen die Ziele der NSDAP bejahte). Und nicht vergessen werden darf, dass DDR-Bürger über ARD und ZDF oder die Radioprogramme allabendlich in die Bundesrepublik „auswanderten“.

Diese Haltung, sich anzupassen, nicht auffallen zu wollen und verbriefte Rechte nicht einzufordern, haben viele in der DDR aufgewachsene Bürger bis heute nicht abgelegt.
Doch jeder, der das von außen kritisiert, frage sich selbst, ob er nicht genauso wäre, wenn er unter diesen Umständen der „Erziehungsdiktatur“ groß geworden wäre.

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2. Nach der „Wende“ 1989

begann in der Jugendarbeit der neuen Bundesländer eine Umstrukturierung, die grob zusammengefaßt vier Seiten umfaßt:

2.1. Verbände

organisierten sich neu, so mancher FDJ-Funktionär sah seine Chance als hauptamtlich Angestellter eines bundesdeutschen Ablegers, oder aber engagierte sich wirklich für eine ideologisch unbelastete Jugendarbeit. Gefördert wurde dieser Prozeß dadurch, daß viele der großen bundesdeutschen Verbände hier "Plätze besetzen" wollten. Zuerst wurde der "Kopf" geschaffen, die Basis wurde später dazu gesucht. Unterstützt wurde das durch die großzügige ABM-Regelung und die folgenden Arbeitsförderprogramme, mit der viele hauptamtliche Stellen möglich wurden und durch das „AFT-Programm“ (der mit Bundesmitteln geförderte Aufbau Freier Träger). Aber eigentlich sind das "verkehrt gestrickte" Verbände - sie haben keine Basis, aus dem heraus die Arbeit und ehrenamtliches Engagement wächst. Wir werden mit dieser Verschiebung noch lange zu tun haben. Aber es war wohl auch nicht anders möglich, denn sonst hätte der Aufbau einer pluralen und bunten Jugendarbeit viel länger gedauert.

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2.2. Initiativen,

zum Teil aus den Nischen der FDJ-Arbeit, der kirchlichen Arbeit, aber auch oft in der Euphorie der „friedlichen Revolution“ gebildet, kamen auf den Plan. Sie waren fast durchweg ehrenamtlich aufgebaut. Zum Teil suchten und fanden sie Anschluß an Verbände, zum Teil versuchen sie ihren Weg weiter allein. Wenn ich es richtig sehe, sind diese Initiativen die Gruppe der Jugendarbeit, die die wenigsten Probleme mit ehrenamtlichem Engagement hat, obwohl auch hier manches bröckelt. Einmal, weil diese Initiativen oft keine Lobby haben und sich im Gestrüpp der Strukturen und der Bürokratie verschleißen. Diese Initiativen haben auch viel zum Instrument "ABM" gegriffen, und standen danach vor dem Problem, Eigenmittel aufzubringen. Zugleich haben die engagierten Mitarbeiter sich überfordert. Ihnen fehlt es an Qualifikation, mit den vielfältigen Anforderungen der Jugendarbeit fertig zu werden, aber noch viel öfter am nötigen Abstand zur eigenen Arbeit.

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2.3. Aus den Jugendclubs

wurden, oft in erheblich verringerter Zahl, kommunale Jugendhäuser, zum Teil kamen sie auch in freie Trägerschaft oder entstanden neu; das Konzept der Häuser der offenen Tür hielt Einzug. Doch die Arbeit in den Häusern gleicht im Ansatz doch noch oft der alten Form der Jugendclubs, sie sind einfach offen, die Disco ist der Höhepunkt, nur die Spielautomaten sind neu; inhaltliche Angebote bleiben oft auf der Ebene der früheren Schularbeitsgemeinschaften, sozialpädagogische Ansätze greifen langsam, wieder ist die mangelnde Qualifikation der Mitarbeiter eine Hauptursache. Wenn schon pädagogisch, spürt man immer wieder die auf abrechenbare Ergebnisse fixierte didaktische DDR-Pädagogik durch, sie läßt zu wenig Raum für einen gruppenorientierten Prozeß. Andererseits reagieren Mitarbeiter immer wieder nur „aus dem Bauch heraus“ auf die Situation Jugendlicher. Viele wissen sich einem hohen Arbeitsethos verpflichtet, „alles für die Sache zu geben“, der von der DDR-Schule geprägt ist und besonders klar in der Deutsch-Pflichtlektüre „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von dem sowjetischen Schriftsteller N. Ostrowski zum Ausdruck kommt. „Burn out“ ist oft die Folge. Durch berufsbegleitende Qualifikation bzw. den Einstieg neuer Mitarbeiter hat sich inzwischen hier langsam manches verändert.

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2.4. Kirchliche Jugendarbeit

wurde teilweise wieder "Verband", CVJM, VKPJ u.a. wurden neu gegründet. Von den engagierten ehrenamtlichen Mitarbeitern gingen viele in sich neu auftuende Bereiche, vom CVJM angefangen, über Freie Initiativen und Umweltverbände bis hin zu politischen Parteien. Das hat auch der kirchlichen Jugendarbeit Abbruch getan, tragende ehrenamtliche Mitarbeiter fehlen immer wieder. Und es hat - im Gegensatz zu den Erwartungen einiger Vertreter kirchlicher Hierarchie - keine Re-Christianisierung gegeben. Im Gegenteil: die Exklusivität der "Nische" ist vorbei. Außerdem bekommen die Kirchen Probleme mit bundesdeutschen kirchlichen Strukturen - die zwar kleiner, aber zugleich aktiver werdenden Gemeinden der DDR brauchten auf immer weniger Verflechtungen Rücksicht nehmen und konnten so immer offener Probleme benennen, wogegen die übernommenen volkskirchlichen Strukturen der BRD sich oft selbst lähmen; wir sind längst nicht so viele, als dass wir ebenso in so vielen Gesellschaftsbereichen engagiert tätig sein können; die früheren Mini-Löhne der hauptamtlichen Mitarbeiter sind gestiegen aber es gibt zu wenig Gemeindeglieder, die ihre Gehälter tragen: Im Osten sind kaum viel Verdienende Kirchenmitglieder, und die vielen Rentner zahlen keine Kirchensteuer.

Mit den westlichen Finanz- und Strukturgebahren der Kirche tun sich viele immer noch schwer. Für Jugendliche wird damit auch die "Institution" Kirche fragwürdig.

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