Am Abend des 29 Januar 2013 ist Walter Schilling im Kreis seiner Familie von uns gegangen. mehr

Der Inspirator


Foto M. Sengewald 2010

Pfarrer Walter Schilling aus Braunsdorf wird morgen 80 - Momente aus seinem Leben
Von Thomas Spanier Braunsdorf.

Am 14. Februar 1945, Aschermittwoch, läuft ein 14-Jähriger durch das von alliierten Bomben zerstörte Sonneberg. Aus einem Schutthaufen ragt ein einzelner menschlicher Arm. Der Junge gräbt ihn aus. Daran hängt eine Frau. Wie ihr Kind erschlagen von Trümmerteilen.

Der 14-Jährige fragt seinen Vater, Flak-Helfer und Pfarrer der Bekennenden Kirche, wie das sei mit dem fünften Gebot: "Du sollst nicht töten". Egal, wie er sich entscheidet, er töte so oder so, sagt der Vater. Holt er die Flugzeuge vom Himmel, sterben die Piloten. Tut er es nicht, gibt es Bombenopfer. "Jetzt liegt es an euch, dass es nie wieder so kommt", sagt der Vater zu seinem Sohn.

Der Junge, der damals zwei Wochen vor seinem 15. Geburtstag steht, ist inzwischen ein ziemlich erwachsener Mann. Er trägt die langen Haare zum Zopf gebunden und schafft locker sechs filterlose "Karo" in zwei Stunden. Er ist im Gespräch noch immer hellwach und blitzgescheit. Morgen wird Walter Schilling 80. Es scheint, als wollte er sagen: Na, und?!

Die Kriegsjahre haben ihn geprägt, so wie später vielleicht nur noch Martin Luther King, sagt der Pfarrer im Ruhestand. Weil er in der Ostzone keine Studienzulassung bekommt, studiert er Anfang der 50er Jahre in Münster und Heidelberg Theologie, schließt das Studium mit dem Examen in Jena ab. Er wird Vikar in Königsee, geht dann als Pfarrer in das kleine Braunsdorf bei Dittrichshütte. Walter Schilling erfüllt die Erwartungen, die man in den 50ern an den "Herrn Pfarrer" hat. Mit einer Ausnahme: Er spielt Trompete in einer ziemlich wilden Band mit dem Namen "Combo Oberland". "Damals wurde auf den Sälen beim Tanzen noch mitgesungen", sagt Schilling.

Irgendwann reichen ihm Taufen, Konfirmationen, Trauerfeiern nicht mehr aus. Der Kreisjugendpfarrer baut mit Freunden den Stall neben dem Pfarrhaus zu einem kirchlichen Jugendheim aus, das fortan zum Treffpunkt wird. "Ich war der Dorfpfarrer und hatte gleichzeitig die halbe Welt um mich herum", sagt Schilling. Die 68er Bewegung bringt auch in der DDR das feste Gefüge von Personen und Rangordnungen durcheinander. Ein Teil der rebellierenden Jugend wird ausgegrenzt, verfemt, kriminalisiert. Walter Schilling erkennt seine Aufgabe als Christ, nimmt sich der Tramper, Gammler, später der Punker an. Es ist der Versuch, die Kirche für Leute zu öffnen, die nicht kirchlich sozialisiert sind. Der Anfang der "offenen Arbeit", als deren Vater Schilling heute gilt.

Auch Peter Taeger macht sich Anfang der 70er Jahre immer häufiger zu Fuß auf den Weg von Rudolstadt nach Braunsdorf. "Walter ließ die Dinge im Kontext der Bibel in einem völlig neuen Licht erscheinen", erzählt Taeger, damals Abiturient, heute Superintendent in Rudolstadt. In Braunsdorf hätten sich Leute getroffen, die nach einem anderen Lebensentwurf gesucht haben. Eine "Insel der Freiheit" nennt der Saalfelder Jürgen Vogel das Refugium auf der Höhe, wo es offiziell 32 Betten, aber an den Wochenenden bis zu 150 Gäste gab. Walter Schilling war die zentrale Figur, der Inspirator, der "Papst von Braunsdorf", wie es der Liedermacher Michael "Pastor" Brose aus Weimar besingt.

Bei so viel Freiheit konnte die Staatsmacht nicht tatenlos zusehen. Tausende Seiten Spitzelberichte füllen die Stasi-Akten der Operativen Vorgänge "Reaktionär" und "Spinne". Mehrfach wird versucht, das Heim in Braunsdorf zu schließen, Pfarrer Schilling zu vergraulen. Es hilft nichts. Der hagere, groß gewachsene Mann ist "sehr intelligent, wortgewandt und reaktionsschnell", wie es ein Stasi-Offizier nach der ersten Begegnung notiert. Und er ist inzwischen zu bekannt, um ihn einzusperren. "Märtyrer konnten sie nicht gebrauchen", sagt Schilling.

Die zwei Jahrzehnte zwischen 1968 und ´89 waren seine besten Jahre, "ausgefüllt, abenteuerlich, manchmal bedrohlich, aber wahnsinnig sinnvoll". Den glücklichsten Moment erlebt er am 9. Oktober 1989 in Berlin. In der von Bewaffneten umstellten Gethsemanekirche fordert Bischof Gottfried Forck die DDR-Führung zu mehr Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf. Es knistert. Als Schilling vor die Kirche tritt, hat sich die Staatsmacht verzogen. "Jeder hatte das Gefühl: Wir haben gewonnen", sagt er. Der Trabi, in dem er auf der Heimfahrt nach Braunsdorf die ganze Zeit gesungen hat, steht noch heute im Schillingschen Garten.

26.02.2010