Eine Predigt von Walter Schilling am 8. November 1985 in der Meininger Stadtkirche vor hunderten Jugendlichen.

Wir sind nicht nur gekommen um Pasch zu hören und  Pasch ist nicht nur gekommen um einfach Musik zu machen, sondern auch zur Friedensdekade zu spielen. Unser Problem ist, dass wir genau wissen, wir sind dagegen. Aber leider Gottes eine Atombombe, die zweite in Nagasaki und dann kam, ja dann kam die Steigerung mit Neutronenbombe, SDI und allem drum und dran. Und dann reden wir und dann überlegen wir und letztendlich passiert wieder mal nichts mehr. Was sollen wir denn zum Donnerwetter noch machen? Das ist eigentlich unser Problem. Und so und so viele von uns haben es aufgegeben und sagen sich: mein lieber Himmel was hilft´s denn, sauf ich mir den Wanst voll, da hab ich wenigstens noch was. Kann doch quatschen so viel ich will , da ändert sich ja eh nichts.

Das ist das Problem glaub ich, und daher kommt nachher der Frust und dann kommt nachher dass ein paar Leute sich noch ab und zu abstrampeln zum Glück wenigstens, aber es sind ja viel zu wenig. Wenn mehr Leute es gewesen wären!

Es gibt da eine Geschichte: Da ist mal ein junger Mann - lieber Himmel ist ja egal wer das ist - zu Jesus gekommen und hat gesagt:“ Was soll ich denn bloß machen, damit Leben ist. Damit ich Leben habe, damit andere leben können?“ Heute hätt´er wahrscheinlich gesagt „Was soll ich denn noch bloß machen? Ich sehe das überall. Ich seh´ das da gerüstet wird. Ich seh das da irgendwelche Leute ständig da irgendwo zur Armee müssen und dann lernen müssen auf andere zu schießen oder Gräben zu machen damit andere schießen können. Und ich sehe was mit unserer Natur gemacht wird und das der Boden längst schon im Arsch ist und kaum noch eine anständige Wiesenblume wachsen kann und so weiter und die Tiere verrecken daran. Und was da überlebt, was wird denn das da wohl sein. Und die Menschen merken´s noch nicht mal, wenn sie vergiftet sind. Und ich sehe was in der dritten Welt passiert. Ich sehe, dass die Armen immer ärmer werden und die Reichen immer reicher, aber die dürfen ja verrecken. Und da wird ihre ganze Infrastruktur ihre Kultur alles wird zerstört, und diese Menschen möglicherweise viel viel besser und friedlicher und viel besser zusammen miteinander gelebt haben als wir in unserem hochgepriesenem Abendland.“ Und außerdem wird er dabei noch sagen :“ Ich selber, ich brauch auch so was wie Leben. Ich geh` kaputt dran. Mein Frust frist mich innerlich auf. Es ist nämlich kein Leben mehr. Wenn ich an nix mehr Spaß hab`, sondern bei jedem bisschen sag ,es ist ja sowieso alles Scheiße.“ Und so geht´s einem ja leider Gottes. Mir doch auch.

„Was soll ich bloß machen um Leben zu kriegen und damit diese Welt leben kann?“ Da passiert was Putziges, da sagt der Jesus: „ Naja gut, Du weißt es ja doch eigentlich. Mach´s doch! Mach!  Du weißt es eigentlich“ sagt er und wir wissen es allesamt eigentlich auch. „ Sei ehrlich, sei anständig, sag Deine Meinung und steh auch dazu , und und und... !“  Da sagt der: „Mensch das versuch ich ja ständig bloß es bewirkt nix.“ Da sagt der Jesus: „Jetzt überspitzt er den ganzen Laden. Bitteschön, dann mach´s radikal! Dann mach´s radikal!  Dann nimm alles was du hast und verkauf das und geb es denen, die es brauchen -und es brauchen wahrhaftig genug- und dann kommst du mit mir und dann tust du praktisch dich selber mit dran geben!  Denn das heißt irgendwo Aufopferung  der eigenen Existenz.“ Genau an dieser Stelle klemmt es nachher.

Dieser junge Mann da, von dem da erzählt wird, ging daraufhin ziemlich traurig weg und sagt: „Nun also ja, das bring ich ja nun doch nicht.“ Und wir bringen´s nämlich auch nicht. Stimmt doch. Wir wissen nämlich was wir eigentlich müssten. Aber ganz konsequent. Das fällt uns verdammt schwer und es ist auch die Frage, was draus wird. Dann hab ich nämlich das Messer am Hals. Und das möchte man ja nun irgendwo auch nicht. Ja aber was dann? Da sagen die Freunde von dem Jesus wie der da weggegangen ist: “Ja was dann? Da gibt es also kein Leben, soll doch die Welt nun endgültig verrecken? Da wird nun nix, oder was ist denn?“  Und da fängt der Jesus an und erzählt eine Geschichte. Und diese Geschichte ist für die Friedensdekade dieses Jahr bestimmt, ne ganz harmlose Sache. Ich will sie kurz machen:

Es war einmal –gute Geschichten fangen immer so an- es war einmal ein Weinbergsbesitzer der brauchte Leute für sein Weinberg und da ging er auf den Marktplatz früh und sagte :“Eh, Du hast Du Lust, kriegst Dein Geld was du brauchst. Geh in den Weinberg arbeiten!“ Und die gingen und sagten:“ Nun gut , mach ´n wir n´bisschen  raboty , kriegen wir abends unsere Pfennige, damit wir leben können.“ Naja, und um 9.00 ist er noch mal hin, da standen immer noch welche rum, um 12.00 auch und abends um 5.00 auch noch da standen auch noch paar rum. Da sagt er : „Geht Ihr auch hin!   Habt ihr den ganzen Tag keine Arbeit gekriegt ? Geht auch hin, ihr sollt schon kriegen, was richtig ist.“ Und abends sagt der Weinbergsbesitzer:  „ Also passt auf, hier, der das Geld auszahlt, der  die Kasse hat fängt beim Letzten an!“ Und er zahlt den aus, den einen Dinar, den Tageslohn, von dem man einen Tag leben kann. Sagen die andern: „ Prima, wir hab früh angefangen,  müssen wir mindestens 10 kriegen.“ „...Die kriegen auch ihren einen, damit sie einen Tag leben können.“ Sagen sie : „Wieso, wir haben doch vielmehr geleistet. Wir haben´s doch gebracht.“  Da sagt der Weinbergsbesitzer: „Ich verstehe Euch nicht . Was soll denn diese Pochen auf Leistung. Guckt Ihr deswegen böse, weil  ich will, dass jeder Mensch das hat, was er für´s Leben braucht? Für einen Tag und für sein Leben.“ Und dann sagt der Jesus: „Und so werden die Letzten die Ersten sein. Und so wird es sein. Wenn diese Welt halbwegs mal wieder laufen kann. Anders wird das nicht .“ So, jetzt hatte der junge Mann eigentlich seine Antwort und wir jetzt auch. Habt Ihr das gemerkt? Wahrscheinlich nicht. Das muss erst mal ein bisschen spülen hier oben. Es hängt nämlich nicht daran, was wir jetzt heute und hier ganz haarscharf bringen und so weiter, dieses verdammte Leistungsdenken  was uns nämlich auch kaputt macht , sondern es hängt daran, dass jeder Mensch das kriegen muss und soll, was er braucht. Und dieses Brauchen ist manchmal gar nicht so viel wie man denkt.  Und das heißt, dass meinetwegen in Südafrika ein schwarzer Mensch eigentlich nichts anderes braucht (der will ja überhaupt kein Cadillac oder sonst was) sonder nichts anderes braucht, als das  sein Menschsein, seine Würde respektiert wird und das er nicht zum letzten Dreck gemacht wird. Nichts anderes brauchen andere Menschen  genauso. Und nichts anderes brauchen wir. Und wenn diese Welt –da steckt die Frage noch irgendwie dahinter: “Was soll ich tun?“ Nee ums tun geht’s erst  gar nicht erst mal. Sondern wenn diese Welt leben soll und lebend  kann, dann geht es darum dass angefangen wird, dass Menschen das was sie brauchen bekommen. Und das ist mitunter wirklich ganz wenig. Ein Stück Würde und Ehre brauchen sie  und ein Stück Musik brauchen sie manchmal .Wirklich! Und ein Stück aus sich ´raus gehen können und ein Stück leben können und nicht ständig „Scheiße“ sagen müssen. Das brauchen wir.  Und ich glaube das fängt tatsächlich hier an. Und deshalb freue ich mich  dass in Meiningen und was weiß ich wo noch Kirchen stehen und deswegen freue ich mich, dass es Leute gibt die hier Blues machen und sonst was. Und deswegen freue ich mich, dass Ihr jetzt klatscht. Irgendwo fängt es nämlich da an. Es fängt nicht da( ) an und da machen wir uns ständig kaputt. Das wir jetzt das und das bringen müssten, leisten müssten und jetzt müssten wir womöglich noch ne Demo machen oder so was. Nein, sondern es fängt genau da an, wo wir uns untereinander und uns selber unsere Würde geben, unsere menschliche Würde. Da fängt es an. „Ist jeder darum schief, weil ich großzügig und anständig bin?“  sagt der Weinbergsbesitzer. „Jeder soll das kriegen.“ Natürlich weiß ich ganz genau, dass damit von dem großen Weltgeschehen noch lange nichts geändert ist. Ich bin doch nicht so doof, dass ich das nicht wüsste. Natürlich weiß ich, dass ich mir übermorgen wieder den Kopf zergrübeln werde und sagen werde:“ Mensch, was soll bloß draus werden?“ Natürlich weiß ich, wenn die sich da treffen: “ Ach Mensch - mir fällt noch nicht mal ein, wo Wien glaub ich ja. Ist auch völlig scheißegal, wo. Da wird wieder nur geredet. Das weiß ich alles ganz genau. Ich weiß, dass diese ganzen Machtapparate existieren. Das wissen wir. Aber du lieber Himmel, was soll denn bloß passieren, wenn es nur noch Apparate und keine Menschen mehr gibt? Manchmal habe ich Angst drum, dass das so kommt , weil ich genug von meinen Freunden sehe, die die Schnauze zu voll haben und resigniert haben und sagen :“Äääh, es ist sowieso alles arschlos.“  Und dann sage ich:“ Aber bitte schön, damit der Apparat nur noch mehr regieren kann.“ Und deswegen kommt es darauf an, dass wir hier unter unseren Freunden ob das in Meiningen oder ob das in Gotha, ob das in Weimar, ob das in Jena oder ob das sonst wo ist, ob das in Soweto oder in Manhattan, da kommt es darauf an, dass überhaupt Menschen da sind, die keine Apparate sind. Versteht Ihr mich?

Wir sollten nicht immer fragen „Was wird draus und was erreichen wir?“ Dieses scheiß Zweckdenken wie es die „Guten“, die Technokraten an sich haben, die alles berechnen wollen, wie die Computer. Sondern wir sollten´s einfach machen! Und wenn es auch manchmal wenig ist.

Die Letzten werden die Ersten sein! Die werden nämlich überleben. Nur dann wird es Leben geben. Und darauf kommt es nämlich an. Und dafür gibt es eine Friedensdekade und jetzt diesen Abend hier und dafür wird PASCH Gott sei dank weiterspielen. Wunderbar!

 

Ich weiß genau, dass ich nicht alles hier sagen kann, man möchte manchmal mehr sagen. Aber wisst ihr, dieses Gefühl ,dieses Gefühl von (vorher haben wir es schon paar Mal gesagt) „unsere Leichen leben noch“  das brauchen wir. Und dafür brauchen wir auch weil es nämlich um Meiningen und Jena und Erfurt und Manhattan und Soweto geht, dafür brauchen wir auch, dass es irgend etwas gibt was zusammen schließt. Und dafür haben wir uns gedacht und selbst wenn vielleicht für manchen von euch das ein bisschen komisch vorkommen kann, das ist mir völlig egal , das wirkt für sich weil es aber das. etwas flotter ausdrückt Jetzt bringen wir es aber wirklich fertig und sagen: „Die paar Sätze, die für ein Haufen Leute, die was wollen leben und Worte wissen für die wir unheimlich wichtig sind. Die paar Sätze fangen an mit:“ Vater unser...

Und das probieren wir jetzt

(PASCH war eine bekannte Blues&Rock-Band mit Sänger "Kirsche", Andreas Kirchner aus Gotha, der Roger Chapman und Rio Reiser täuschend ähnlich interpretiert. Heute tritt er unter den Bandnamen Kirsche & Co. und Junimond auf.)