Aus: Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt
herausgegeben von der Gesellschaft für Zeitgeschichte, Band 1 und 2;
Ergänzte und überarbeitete Fassung des Kapitels 1.3 mehr dazu
Der Text des oben genannten
Flugblattes der Initiativgruppe Grünheide[1] wurde noch am Abend des 3. Dezember von Matthias Büchner, der als Mitglied des Landessprecherrates am Initiativtreffen teilnahm, telefonisch nach Erfurt weiter gegeben. Entgegen genommen wurde der Text von Barbara Ruge. Das Ehepaar Barbara und Manfred Ruge hatten dem Neuen Forum einen Raum, als provisorisches Büro, in ihrem Wohnhaus zur Verfügung gestellt.
Zusammen mit dem im Funkwerk beschäftigten Elektroniker Jens Fröbel organisierte Manfred Ruge noch in der Nacht den Druck von 4000 Flugblättern mit dem in Grünheide erarbeiteten Text. Bis gegen 5 Uhr morgens waren diese in Briefkästen der Stadt verteilt [2].
*/..."Bei der Stasi raucht es"! .../*
*/..."Die Stasi raucht schwarz!,/*
*/…“die haben doch Gasheizung"!.../*
*/...Akten werden verbrannt!.../*
Gefahr erkennen Erfurter Buerger, als sie am frühen Morgen des 4. Dezember 1989, anders als sonst, schwarze Rauchschwaden über dem Gebäude der Bezirksbehörde des ehemaligen MfS aufsteigen sehen.
Dunkler Rauch aus den vielen braunkohlebeheizten Wohnungen, Handwerks- und Gewerbebetrieben und der Volkseigenen Industrie, der die Umwelt der Stadt enorm belastete, war den Einwohnern bekannt, daran waren sie gewöhnt und auch an den beißend-stechenden Geruch, der in den Wintermonaten über der Stadt lag.
Bekannt war aber auch, dass einige Behörden ihre Gebäude mit anderen Energieträgern versorgten und damit besonders auffällig wurden, wenn ihre Schornsteine schwarz rauchten.
Bereits am Nachmittag des 3. Dezember stellte Christian Elis, der Hausmeister der Evangelischen Andreasgemeinde fest, dass aus dem Schornstein der Bezirksbehörde ein ungewöhnlicher Rauch aufstieg. Da er immer Sonntagnachmittags die Heizung betreiben musste, damit die Gemeinderäume für die Gemeindearbeit am Montag ausreichend beheizt waren, fiel ihm in seiner Eigenschaft als Heizer die Rauchentwicklung aus Gebäuden der gegenüberliegenden Bezirkszentrale des MfS ganz besonders auf, wissend, dass die dortige Heizung mit Gas betrieben wurde.
Diese Auffälligkeit veranlasste ihn Angelika Schön aufzusuchen, um ihr seine Beobachtungen mitzuteilen und auch dass er gesehen hatte, dass Papierfetzen durch die Luft wirbelten. Es musste also mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden, dass Akten vernichtet werden.
Die Beobachtung von Christian Elis und die Weitergabe als Information an mehrere Mitglieder der Oppositionsgruppen, noch am selben Nachmittag und Abend, war die eine der Initialzündungen für die am Montag den 4. Dezember 1989 folgenden Aktionen und Ereignisse als Reaktion auf die angenommene Aktenvernichtung.
Aus dem Wortlaut des Aufrufes im Flugblatt aus Grünheide konnte nicht verbindlich geschlussfolgert werden, dass mit der genannten Aktenvernichtung ausschließlich Akten der Staatssicherheit gemeint seien. Es ging allgemein darum, wichtige Daten und Werte vor Vernichtung, Diebstahl, Versendung ins Ausland zu sichern.
Man konnte ihn aber auch anders interpretieren. Der aufsteigende Rauch aus dem Schornstein der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS forderte diese Interpretation geradezu heraus.
Eindeutig auszuschließen ist, dass das NEUE FORUM Erfurt Vorbereitungen zur Besetzung der Bezirksverwaltung getroffen hatte [3].
Ein wichtiger Faktor war zweifelsfrei die erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilität Erfurter Bürger, besonders der Mitglieder der oppositionellen Gruppen über Vorgänge und Veränderungen staatstragender Stellen, wobei dem noch immer intakten Staatssicherheitsdienst ein erhöhtes Misstrauen galt.
Belegbar ist, dass auch Frauen aus der Bürgerinneninitiative "Frauen für Veränderung" die Initiative ergriffen.
Bereits am Sonntagabend fand ein Gespräch zwischen Kerstin Schön und Sabine Fabian über die politischen Ereignisse des 3. Dezembers (Rücktritt des Zentralkomitees, und des Politbüros) Ausschlüsse aus der SED Menschenkette quer durch das Land usw.) die über die Fernsehsender verbreitet wurden, statt.
Ob dabei eine Bemerkung des bekannten Fernsehjournalisten Hanns Joachim Friedrichs in der Sendung "Tagesthemen" der ARD vom 3. Dezember, dass es in der DDR nach verbrannten Mikrofilmen riecht, ein Kriterium zum spontanen Handeln gewesen sein könnte, ist nicht genau nach zu vollziehen.
Sehr früh am Montagmorgen alarmiert die Ärztin Dr. Kerstin Schön von der Bürgerinneninitiative "Frauen für Veränderung" per Telefon und durch Kurzbesuche ihre Mitstreiterinnen und andere vertrauensvolle Personen aus anderen Gruppen um ihnen mitzuteilen, die Bezirksverwaltung der STASI besetzten zu wollen. Sehr schnell entsteht eine spontane Organisation zur Vorbereitung der Besetzung, wie das Aufsuchen der Staatsanwaltschaft, des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes, der gerade tagenden Stadtverordnetenversammlung im Rathaus, wie weiter unten beschrieben.
Almuth Falcke teilt sie mit:..."die Stasi raucht schwarz, die vernichten Akten. Trommle zusammen, wen du findest und besetz' die Tore. Ich mache das Gleiche!"...
Zeitgleich rufen die beiden Frauen verschiedene andere Personen an, von denen sie wussten, dass sie sofort bereit wären, diese spontane Aktion mit durchzuführen und Verantwortung zu übernehmen.
Nach der Telefonaktion fährt Almuth Falke mit ihrem Mann, dem Erfurter Propst Dr. Heino Falke an das zurückliegende Tor hinter dem Bezirksgericht (heutige Bechtheimer Straße) und stellen zunächst ihren eigenen Wartburg quer zur Straße. Später blockiert dann ein LKW der Städtischen Verkehrsbetriebe die Zufahrt, so daß der Eingang abgesperrt war.
Die Informationen verbreiteten sich relativ schnell. In kurzer Zeit hatten sich 30-40 Personen eingefunden, die teilweise bei Einkäufen von der "STASI-Blockade" erfuhren. Es wurde kurzerhand beschlossen, jedes Auto anzuhalten, welches die Einfahrt zur Bezirksbehörde passieren wollte und deren Kofferräume zu kontrollieren. LKW's wurde die Zufahrt generell verweigert.
Zu gleicher Zeit machen sich Kerstin Schön und Petra (Tely) Büchner auf den Weg zum Rathaus, wo gerade die erste Ratssitzung unter dem neu eingesetzten OB Siegfried Hirschfeld tagte. Zweck dieser Aktion war, die Stadtverwaltung in die Verantwortung zu nehmen. Es wurde gefordert, daß alle noch vorhandene Akten und Unterlagen der Staatssicherheit sichergestellt und der Staatsanwaltschaft übergeben werden, ...”um zu verhindern, daß mit den vielen Daten, die über so viele Bürger gesammelt wurden, weiterhin Mißbrauch getrieben wird und auch, um Verschleierungen von Amtsmißbrauch bis hin zu Verbrechen zu unterbinden"..., sagt noch am 4.12,1989 Kerstin Schön der Redakteurin der SED-Tageszeitung DAS VOLK Eva-Maria Rahneberg [4].
Auch der heutige Oberbürgermeister Manfred Ruge erinnert sich:
”Am 4.12,1989 morgens 7 Uhr erreichte mich der Anruf von Frau Dr. Schön, die von der beginnenden Aktenvernichtung auf dem STASI-Gelände berichtete. Eine halbe Stunde später sprachen wir bei dem Interims-Oberbürgermeister Hirschfeld vor, der auch nichts Besseres wußte, als uns an die Staatsanwaltschaft zu verweisen. Aber auch dort fühlte sich keiner kompetent, es herrschte völlige Kopflosigkeit.” [5].
Babara Weisshuhn (jetzt Sengewald, Frauen für Veränderung) und Angelika Schön begeben sich zur Bezirksstaatsanwaltschaft. Ihr Anliegen ist die Erwirkung einer Verfügung, zur sofortigen Einstellung der Arbeit der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS. Der Bezirksstaatsanwalt Sander erklärt, daß er dafür nicht zuständig sei und daß das in Verantwortung der Militärstaatsanwaltschaft liege. ( Bericht von Barbara Sengewald, ehem. Weisshuhn in der Broschüre ) Auch Gabriele Stötzer (damals Kachold) versucht unabhängig davon einen Staatsanwalt, den sie von früher aus Ihren eigenen Verhören kennt, zu bewegen, in die Andreasstraße zu kommen. Beide Aktionen laufen parallel und die Frauen wissen voneinander nicht, dass sie das gleiche vorhaben.
Während sich mehrere Frauen der Bürgerinneninitiative "Frauen für Veränderung" für die erforderlichen formellen Regelungen bei den staatlichen Stellen, (mit der Grundvoraussetzung "Keine Gewalt"), bemühen, hatten sich gegen 9 Uhr an den wichtigsten Zugängen der Bezirksverwaltung Andreasstraße und der Kreisdienststelle in der Straße der Einheit eine größere Menschenmenge versammelt.
Eine weitere Gruppe Frauen mobilisiert die anderen oppositionellen Gruppen, die evangelische Kirche und die Presse. In Kaufhallen, auf Baustellen, in Betrieben und über Funk der Erfurter Verkehrsbetriebe wird dazu aufgerufen die Bezirksbehörde zu umstellen und zu bewachen.
Dem Aufruf der Frauen waren nicht nur Mitglieder der Bürgerbewegung gefolgt; Unterstützung kam aus allen Kreisen der Bevölkerung. Betriebsangehörige aus der Optima und des Funkwerkes, die Angestellten der Buchhandlung Peterknecht, Studenten der beiden kirchlichen Ausbildungsstätten und ihre Dozenten, Mitarbeiter aus den innerstädtischen Kirchgemeinden kontrollierten die Zufahrten. Die vor dem Gebäude ausharrenden Bürger machten zunehmend ihren Unmut mit den Sprechchören Luft und riefen "Wir wollen rein" und "Aufmachen!"
Gegen 10 Uhr treffen der Militärstaatsanwalt Weißmantel und die Staatsanwälte Helmut Rudat und Richard Illgen ein und betreten die Bezirksverwaltung in der Andreasstraße.
Nachdem sich der Leiter des Bezirksverwaltung Generalmajor Josef Schwarz telefonisch mit dem Bezirksstaatsanwalt über weitere Maßnahmen abgestimmt hatte und der Bezirksstaatsanwalt angeordnet hatte, die Waffen einzusammeln, sie in der Waffenkammer unter Verschluß zu halten und den Bürgern Zutritt zu gewähren, wurde eine Delegation von 10 Bürgern vorgelassen und in das Konferenzzimmer und Kinosaal der Bezirksverwaltung geführt, an dessen Stirnwand die Inschrift ”Ruhm den Tschekisten!” prangte.
Nach kurzer Abstimmung zwischen den Vorgelassen wurde Frau Falcke als Sprecherin der Gruppe benannt. In dem Konferenzraum stellten sich der Leiter der Bezirksverwaltung und sein erster Stellvertreter, so wie weitere Mitarbeiter des MfS/AfNS dem Gespräch. Zugegen waren der Militärstaatsanwalt Weißmantel, die Staatsanwälte Ilgen und Rudat und der später erschiene Stellvertreter des Rates des Bezirkes für Inneres, Heinz Hartmann.
Seitens der Delegation wurden folgende Forderungen vorgetragen:
Die Entgegnung des Leiters der Bezirksverwaltung auf die Forderungen war reichlich primitiv und auf Verdummung und auf Desinformation der Delegation angelegt, eine langjährig praktizierte Taktik der STASI.
Frau Falke beschreibt die Verhandlung mit Generalmajor Schwarz wie folgt:
”Dr. Schwarz begrüßte uns: ‚Ja, was wollen Sie hier, was machen Sie hier? Sie behindern meine, unsere Behörde an der Arbeit’. Und da haben wir gesagt: ‚Ja, das wollen wir auch, daß die Arbeit eingestellt wird und deshalb haben wir auch die Staatsanwaltschaft hergebeten. Wir verlangen sofort Einsicht in alle Räume, die das Gebäude hat. Damit wir auch sicher sind, daß es alle Räume sind, verlangen wir einen Plan von diesem Gebäude. Und wir verlangen Zugang zum Computer.’ Daraufhin Dr. Schwarz: ‚Wir tun hier niemand Unrecht. Sie haben keine Berechtigung, das hier zu machen Wir handeln nur nach den Gesetzen der DDR.’
Da habe ich gesagt: ‚Ja eben diese Gesetze wollen wir ändern. Und deshalb machen wir dies. Und hier unter uns sind auch Leute, die sehr unter Ihrer Behörde gelitten haben. Wir wollen, daß die Arbeit hier aufhört. Und dann habe ich noch einmal die Forderungen genannt. Und da sagte er: Also, einen Plan des Hauses habe ich selber nicht. Ich weiß selber nicht wieviel Räume hier sind. Und dann: Und einen Computer gibt es nicht. Wissen sie Genosse Mielke ist ein alter Mann, der ist nicht für so moderne Sachen, wie einen Computer." [6]
Während über Verfahrensfragen, Möglichkeiten und Zuständigkeiten gesprochen wird, haben sich draußen immer mehr Menschen angesammelt. Generalmajor Schwarz erhält plötzlich eine kurze Information durch einen Mitarbeiter und sagt zu den Delegierten:" Hier stürmt jetzt eine Gruppe von 200(?) Leuten das Gelände"!
Auch der Protest von Generalmajor Schwarz gegenüber der Sprecherin der 10er Gruppe Frau Falke konnte daran nichts mehr ändern.
Ebenso war das Angebot des Buchhändlers Peterknecht gegenüber Generalmajor Schwarz, mit den Stürmenden zu sprechen, vom Ansatz her sinnlos, denn die, in die Bezirksverwaltung, eindringenden Erfurter waren nicht mehr aufzuhalten!
Vom Leiter der Bezirksverwaltung wurden die Verhandlungen abrupt abgebrochen. Er wollte die "Ordnung und Arbeitsfähigkeit seiner ‚Einrichtung‘ wieder herstellen." Doch er hatte seine Befehlsgewalt verloren und mußte zulassen, daß sich "seine" Erfurter in ”seinem geheimen" Reich gründlich umsehen.
Der Zeitzeuge Ulrich Scheidt, ein Biologe im Naturkundemuseum, hatte wurde durch einen Anruf aus der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek darüber informiert, , daß ..."die STASI Akten verbrennt oder vernichtet." Als Ullrich Scheidt mit seinen Kollegen an der Bezirksverwaltung ankommt, stand ein kleine Gruppe Erfurter Bürger vor dem Gebäude. Er beschreibt die Situation wie folgt:
Ich rief zunächst aus einem gegenüberliegenden Haus ehemalige Kollegen aus dem Funkwerk an mit der Aufforderung zur Bezirksbehörde zu kommen.
Danach traf ich gegen 11 Uhr am Hintereingang der Behörde mit den anderen zusammen. Hier war nur die Schranke heruntergelassen, die dort postierten Bewacher mit ihren MPi's wollten zunächst nur Kerstin Schön durchlassen. Sie hatte aber darauf bestanden, daß alle drei passieren konnten, was nach kurzer Diskussion zugelassen wurde. Andere Bürger drängten nach und stürmten ins Gelände. Nach einer kurzen Inspektion des Heizungskellers, wurde von dieser Gruppe das Haupttor des Gebäudes in der Andreasstraße von innen geöffnet und die vor dem Gebäude Wartenden stürmten die BZ“.
Mehr als100 Bürger inspizierten nun in Gruppen zu 10 Personen zusammen mit Mitarbeitern der Bezirksbehörde den Gebäudekomplex. Diese Kontrollgänge ähnelten jedoch mehr einem Versteckspiel, als einer ehrlichen Aufdeckung. Im Heizungskeller fanden sie die Ursache der zeitig am Morgen beobachteten Rauchentwicklung. Neben der Gasheizung befand sich ein zusätzlicher konventioneller Heizkessel, der als Verbrennungsofen benutzt wurde. Reihen von Mülltonnen voller Papierasche, Aktendullis, leere Aktenordner auf deren Rücken noch deren Inhalt nachlesbar war, zerissene Papiere, die nicht schnell genug verbrannt werden konnten, wurden aufgefunden.(Foto einfügen)
Weitere Hinweise auf die Vernichtung von Unterlagen wurden in dem später geöffneten Raum für Papierzerkleinerung (Verkollerungsanlage) entdeckt. Auf diese Tatbestände hin befragt erklärte Generalmajor Schwarz, daß der Umfang der in der letzten Zeit beseitigten Akten zum normalen Dienstbetrieb gehöre; zusätzlich seien nur Dossiers über Andersdenkende vernichtet worden. Mit dem Inhalt der Weisung aus der Zentrale in Berlin hat Schwarz gegenüber den ”Besetzern” der Bezirksverwaltung hinter dem Berg gehalten. [7]
Ebenso wurde der Computerraum, den es nach Aussage von Schwarz nicht gab, gefunden. Der Computertechnik galt die besondere Aufmerksamkeit, um der Löschung von Disketten und anderen Speichermaterialien vorzubeugen. ”Datendienststelle” lautete der nur für einen kleinen Personenkreis zugängliche Raum, in dem Verbindung zu dem zentralen Berliner Speicher bestand.
Als die Sachkundige eine Testanfrage nach Berlin starteten, um zu erkunden, wie das System funktioniert, kam die lapidare Antwort: "Erfurt bekommt keine Auskunft mehr!"
Da die ohne Plan ablaufende Untersuchung des Gebäudes spontan erfolgte, war es Ulrich Scheidt zu verdanken, daß er auf die Idee kam die Computerzentrale zu sichern und zu bewachen. Diese Aktivität kann man als "status nascenti" der Bürgerwache bezeichnen. Wenig später wurde, zusätzlich zur Bewachung, dieser Raum und das zentrale Archiv, das "Herzstück der Behörde," durch den Militärstaatsanwalt versiegelt.
Im Verlauf der Begehung wurde immer wieder deutlich, daß man bewußt die kontrollierenden Bürger hinterging. An der einen Stelle fehlten Schlüssel, an der anderen war kein Lageplan vorhanden.
Die Schlußfolgerung aus der Bürgerkontrolle konnte nur sein: Versiegelung der Archive und Bildung einer unabhängigen Kontrollgruppe. Diese bestand aus 10 Mitgliedern der Bürgerbewegungen und engangierten Erfurter Bürgern. Vorrangige Aufgabe dieser Kontrollgruppe war, in Zusammenarbeit mit der Militärstaatsanwaltschaft, die Sicherung von Beweismaterial
Im Verlauf des Tages kamen führende Mitarbeiter der Bürgerbewegungen, wie NF und DA hinzu, um die organisatorischen Abläufe besser regeln zu helfen, so zum Beispiel Matthias Büchner, der erst relativ spät vom Treffen des NF aus Berlin zurückgekommen war und vor Ort von den Ereignissen unterrichtet wurde.
Auch an anderen Stellen des ehemaligen MfS/AfNS in der Stadt versuchten mutige Erfurter Bürger die Vernichtung oder den Abtransport von Geheimdienstunterlagen, so wie den Abtransport von Waffen zu verhindern. Etwa zur gleichen Zeit der Besetzung der Bezirksverwaltung drangen Bürger in die Kreisdienststelle in der Straße der Einheit ein. Nach zähen, mehrere Stunden andauernden Verhandlungen mit dem Leiter der KD Oberst Schneeberg konnte ebenfalls eine 3-köpfige Delegation mit Matthias Ladstätter die Räume kontrollieren. Nach der Kontrolle wurden die Räume durch Mitarbeiter der städtischen Museen versiegelt. Da die kontrollierenden Bürger keine bedeutenden Akten finden konnten, gingen sie davon aus, daß wichtige Unterlagen bereits in die Bezirksverwaltung umgelagert waren. Folglich wurde in der KD auf die Aufstellung einer Bürgerwache verzichtet. Die angebrachten Siegel wurden gegen 23 Uhr auf Unversehrtheit überprüft.[8].
Am Nachmittag des 4.12. begab sich eine Gruppe von Bürgern zum Flughafen Erfurt-Bindersleben, um den vermuteten Abtransport von Akten ins Ausland zu verhindern, denn es war bekannt geworden, dass eine Maschine gestartet war, die möglicherweise mit Ziel Rumänien Aktenmaterial ausgeflogen haben könnte.
Die Nachricht von der Besetzung der ehemaligen STASI gelangte in Windeseile zum Rat des Bezirkes und zum Rat der Stadt. Deren Tätigkeit wurde eingestellt, die meisten Mitglieder waren nicht mehr ansprechbar.
Die Nachricht von der Besetzung der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS in Erfurt erreichte unverzüglich und wie auch immer, trotz Bewachung spezieller Einrichtungen, das Amt für Nationale Sicherheit in Berlin. Bereits am 4.12.1989 gegen 16.30 Uhr erging durch Generalleutnant Schwanitz ein Fernschreiben an alle Leiter der Kreis- und Bezirksämter für NS mit folgendem Text:
”Am heutigen Tag drang eine große Menschenmenge gewaltsam in das Bezirksamt Erfurt ein. Weitere Objekte sind bedroht. Die Situation ist noch nicht bereinigt. Aus diesem Anlaß wird angewiesen, sofort alle möglichen zusätzlichen Maßnahmen einzuleiten, um die Objektsicherung zu verstärken und kurzfristig zusätzliche Sperrmaßnahmen durchzusetzen. Der Zutritt unberechtigter Personen ist unbedingt zu verhindern. Es sind alle zur Verfügung stehenden Mittel, Löscheinrichtungen und übergebene spezielle Mittel -außer gezielte Schußwaffenanwendung- zum Einsatz zu bringen. Alle verfügbaren Kräfte sind auf diese Situation einzustellen und entsprechend zu orientieren, um die vorgenannte Aufgabe voll durchzusetzen. Mit der Volkspolizei sind weitere Abstimmungen zum Einsatz zusätzlicher Kräfte herbeizuführen.” [9]
Am 5.12.1989 wurde vom Amt für Nationale Sicherheit eine als ”streng geheim” gekennzeichneter Bericht Nr. 519/98 an die DDR Staatsführung und Führung des AfNS herausgegeben, unter dem Titel: ”Information über das Erzwingen des Zutritts von Kräften der Bürgerbewegungen zu den Dienstobjekten von Bezirks- und Kreisämtern des AfNS am 4.Dezember 1989”
In dieser Information wurde detailliert der Ablauf der Besetzung vom 4.12. in Erfurt geschildert. [10]
In einem kleinen Kreis von Aktiven wurde eine Versammlung von Bürgern einberufen mit dem Ziel sich im Rathaus über das weiter Vorgehen zu beraten. Ob zu dem Zeitpunkt der Begriff ”Bürgerkomitee” in Rede stand, ist nicht mehr exakt nachvollziebar. [11]
Am späten Nachmittag versammelte sich ein kleine Gruppe im Rathaus um über das weitere Vorgehen zu beraten. Der Versuch sich im Rathaus zu versammeln ist trotz Verhandlung und Intervention von Probst Dr. Falke mit dem OB der Stadt gescheitert.
Durch Mund-zu-Mund Propaganda kommen in den Abendstunden des 4.12. in der evangelischen Stadtmission (im Johannes Lang Haus) etwa 100 Leute zusammen. Im Ergebnis der Zusammenkunft wurde beschlossen am 5.12.ein "Komitee zur Auflösung des Geheimdienstes MfS/AfNS [12] zu gründen. Der Begriff ”Bürgerkomitee” stand zu diesem Zeitpunkt nicht in Rede.
Hans-Jochen Tschiche, Sprecher des NF Magdeburg, gebraucht die Bezeichnung Bürgerkomitee in einem Interview mit der TAZ vom 15.11.1989 zu den Perspektiven der DDR-Opposition.
Gleichzeitig wurde ein Flugblatt erarbeitet unterzeichnet von "Bürgerinitiative des Kontrollausschußes"[13], noch in der Nacht gedruckt und am Morgen verteilt.
Die Besetzung der STASI war eine spontane Aktion, die von mutigen Frauen eingeleitet wurde. Zu den Akteuren gehörten in vorderster Front:
Kerstin Schön, Angelika Schön, Gabi Kachold, Petra(Tely) Büchner, Sabine Fabian, Claudia Bogenhardt, Almuth Falke, Barbara Weisshuhn, Elisabeth Kaufhold.
Warum aber gerade von Frauen? Sowohl in der Bürgerinneninitiative "Frauen für Veränderung", als auch im Neuen Forum und in unterschiedlichen Kreisen der Evangelischen Kirche gab es politisch aktive Frauen die sich untereinander kannten. Sie waren mutig und entschlossen, einen aktiven aber, und das ist besonders hervorzuheben, friedlichen, gewaltlosen Beitrag zur gesellschaftlichen Veränderung der DDR zu leisten.
Daß dieses Engagement und die einzelnen Aktionen bei allen Beteiligten nicht ohne Angst ablief ist verständlich. ..." Wenn das schief geht, landen wir alle im Keller!"..., erinnert sich Frau Falke [14].
Diese Angst war zutiefst berechtigt. Nach den aufgefundenen Unterlagen in der Außenstelle des BSTU Erfurt existierte ein Verteidigungsplan der BV Erfurt des MfS, der den Besetzern allerdings nicht bekannt war. In diesem Plan wurde der gesamte Bereich der BV in vier Verteidigungssektoren eingeteilt. Jeder Sektor enthielt Verteidigungspunkte, die mit Maschinengewehren und Maschinenpistolen ausgerüstet werden konnten und von denen aus genaue Beobachtungs- und Schußsektoren abzudecken waren. [15].
Die Besetzung der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS war ein in der Geschichte der DDR bislang beispielloser Vorgang. Das Ende des MfS begann nicht mit der Erstürmung der Berliner Zentrale in der Normannenstraße, sondern mit der Besetzung der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS Erfurt, deren Versiegelung und schließlich Lahmlegung. ”Die Tabuzone wurde in der Erfurter Andreasstraße durchbrochen” [16].
Daß die Erfurter Aktion der Anfang für eine endgültige Kampfunfähigkeit der Krake STASI bedeutete, war am 4.12.1989 keineswegs sicher. ”Natürlich konnte damals noch niemand ahnen, daß mit der Besetzung in der Andreasstraße eine gewaltige Unterdrückungsmaschinerie beseitigt werden konnte.”[17]
Zweifelsfrei ist die Signalwirkung, die von der Erfurter Besetzung ausging. Noch am gleichen Tag erfolgten gleichartige Aktionen in Leipzig (nach der Montagsdemo), in Suhl , Schwerin und Rostock. Diese setzten sich am 5.12 in Dresden, Frankfurt/O. Magdeburg und vielen anderen Städten der DDR fort. [18]
Peter Große
Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.
[1] Am 3. Dezember 1989 kam in Grünheide bei Berlin eine überregionale Initiativgruppe des NF[1] im Haus von Robert Havemann zusammen. In diese Beratung platzen die Nachrichten:
von der Flucht des seit Tagen in die Schusslinie geratenen Staatssekretärs und Leiters des Bereiches "Kommerzielle Koordinierung" Alexander Schalk - Golodkowski und mit der Absetzung in Zusammenhang stehender Verschiebung von Finanz - und Sachwerten ins Ausland;
von Aktenvernichtung und dem Auffinden von 2 Mio. Mark der DDR ohne Belege in der Berliner Zentrale des FDGB durch Mitglieder des Neuen Forums;
vom Ausschluss E. Honeckers, W. Stophs, H. Tischs, H. Sindermanns, E. Mielkes aus der SED, wegen schwerer Verstöße gegen das Statut.
H. Tisch, G. Mittag und die Bezirkschefs der SED G. Müller (Erfurt) und E. Albrecht (Suhl) werden verhaftet.
Nach intensiver Beratung und harter Auseinandersetzung wurde von der Initiativgruppe ein Flugblatt erarbeitet, in dem zur Bürgerkontrolle in Wirtschafts- und Staatsapparat aufgerufen wurde.
[2] Siehe Zeitschrift „Horch und Guck“ 8. Jahrgang Heft 28 Seite 51
[3] M. Büchner: „Es war wie im Hase-und Igel-Spiel“ in Andreas Dornheim und Stephan Schnitzler: „Akteure des Umbruchs berichten“ Seite 294
[4] Siehe Das Volk vom 5.12.1989 ”Bürger wachen vor ihren Akten”
[5] Siehe Andreas Dornheim: Politischer Umbruch in Erfurt 1989/90 Seite 12
[6] Siehe Andreas Dornheim: Politischer Umbruch in Erfurt 1989/90 Seite 146
[7] AfNS BA Erfurt der Leiter GVS 002-104/89 vom 24.11.1989
[8] TLZ vom 5.12.1989 und 6.12.1989
[9] Siehe Fernschreiben ”cfs 17 luft” vom 4.12.1989 des AfNS Berlin in Unterlagen des Archivs d.BStU Erfurt
[10] ”Information über das Erzwingen von Kräften von Bürgerbewegungen zu den Dienstobjekten von Bezirks-und Kreisämtern des AfNS am 4.12.1989” Nr. 519/89 in Unterlagen des Zentralarchivs d.BStU Z 3815
[11] Siehe Zeitschrift ”Horch und Guck” 8.Jahrgang 1999 Heft 28 Seite 51
[12] Siehe ”Geheimdienst - Nein danke!” Bericht des Bürgerkomitees Erfurt über die Auflösung des MfS/AfNS, Dez.1990
[13] Flugblatt: ”Unglaubliche Dinge sind in unserem Land ans Tageslicht gekommen. In unserer Stadt ....wurde in den letzten Tagen Aktenmaterial der Staatssicherheit durch deren Mitarbeiter vernichtet. ....Helft alle mit! Vermeidet trotz aller berechtigten Emotionen eine Eskalation zur Gewalt. Es geht um ....uns und unsere Stadt! Um weitere Verschleierung und Vernichtung von Materialien und ....Dokumenten zu verhindern, wurde ein Bürgerkomitee gebildet”.
[14] Siehe Erfurter Straßenzeitung 26/1999 ”Wir wollten nur Gerechtigkeit in dem Land, in dem wir lebten” von Almuth Falke
Siehe Erfurter Straßenzeitung 26/1999
[15] Siehe GVS Eft. 0005-200/83 Plan der Verteidigung des Dienstobjektes- Variante II- der BV Erfurt vom 27.7.1883 BV für Staatatssicherheit AG des Leiters der BV (Ltr.der AG Oberstleutnant Greiner ) bestätigt vom Ltr. BV GM. Schwarz
[16] Siehe Walter Süß, ”Staatssicherheit am Ende”, Berlin 1999, S. 613
[17] Siehe ”Geheimdienst - Nein danke!” Bericht des Bürgerkomitees Erfurt über die Auflösung des MfS/AfNS Dez.1990
[18] Siehe Martin Jander: ”Die Besetzung der Stasi- Zentralen” in ”Zeitschrift Horch und Guck” 8.Jahrgang 1999 Heft 28 Seite 41ff
Die beiden von uns herausgegebenen Broschüren zur Besetzung der "Stasi" und des weiteren Verlaufs der Arbeit des "Bürgerkomiees" können bei uns erworben werden.
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