die "alltägliche Erziehungsdiktatur" in der DDR

aus: Kurzer Abriss der Geschichte der Evangelischen Jugendarbeit in der DDR bis heute. vollständiger Text

Die alltägliche „Erziehungsdiktatur“ DDR

Um die Diktatur der DDR zu begreifen, muss man sich klar machen, dass das politische Verständnis der SED-Regierung das gesamte gesellschaftliche bis hinein ins persönliche Leben durchzog. Dabei war diese Diktatur im Alltag keineswegs brutal, die diffizilen Wirkungsmechanismen wurden erst bei Abweichung von der vorgegebenen Norm wirksam.

Am deutlichsten war das in allen Bereichen, in denen es der Staat mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatte, denn die galt es „zu formen“. Lehrer waren „Sprachrohr des Staates“ und wurden als solche „geführt“, die Freizeitarbeit mit Kindern und Jugendlichen, organisiert von Pionierleiter/innen und hauptamtlichen FDJ-Funktionären sollte vollständig unter staatlicher Kontrolle sein. In der Schule war das Fach „Staatsbürgerkunde“ ab der 7. Klasse Unterrichtsfach, aber die ideologische Erziehung durchdrang alle geeigneten Fächer: Heimatkunde, Deutsch, „Geschichte“, Erdkunde, je selbst im Fremdsprachenunterricht war das ab der 5. Klasse für alle obligatorische Fach Russisch von den „heroischen Erfolgen“ unseres sowjetischen „Brudervolkes“ geprägt und im Englisch- oder Französisch-Unterricht war der „Klassenkampf der Arbeiter und Bauern“ Hauptinhalt der Texte. Ziel war es, „überzeugte Marxisten“ (natürlich im Sinne der marxistisch-leninistischen SED), treue Staatsbürger und „patriotische Internationalisten“ heranzuziehen.

Es ist klar, dass eine eigenständige kirchliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen da keine Platz hatte, nicht haben durfte und deshalb immer wieder bekämpft werden musste. Dass sie nie ganz einfach verboten wurde, war wohl letztlich der unmittelbaren Nähe und den vielen persönlichen Beziehungen zur Bundesrepublik geschuldet, die solchen Vorgängen in der DDR immer wieder zu internationaler Öffentlichkeit verhalfen, und diese konnte die DDR-Führung auf ihrem Weg zur internationalen Anerkennung nicht gebrauchen.

Aber wichtiger ist, zu verstehen, dass dieses System ständiger staatlicher Bevormundung vor allem eines verlangte: Anpassung. Wer als Jugendlicher (und ebenso als Erwachsener) immer in den vorgegebenen Bahnen blieb, wenn auch innerlich ablehnend, hatte nichts zu befürchten. Der konnte es sich in der DDR gemütlich einrichten. Und viele haben den auf oktroyierten Verzicht auf eigene Meinung, auf bürgerliche Freiheit und Eigenständigkeit zunehmend nicht mehr wahrgenommen.

Die vielen Beweise gesellschaftlich opportunen Verhaltens wurden in allen Lebensstufen abverlangt: Der Eintritt in die „Pioniere“ und später „FDJ“; die Teilnahme an der Jugendweihe, die Teilnahme an den vormilitärischen „Hans-Beimler-Wettkämpfen“ bzw. der „GST-Ausbildung“ (Gesellschaft für Sport und Technik, vorwiegend auf vormilitärische Ausbildung ausgerichtet, bei der man aber z.B. auch die Fahrerlaubnis erwerben konnte), der Eintritt in die „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, den „FDGB“ (Freier Deutscher Gewerkschaftsbund)… Wer an verantwortliche berufliche Tätigkeiten kommen wollte, musste oft eine Erklärung abgeben, dass er keine Kontakte in das NSW (Nicht-Sozialistisches Währungsgebiet, also der „Westen“) hat oder von ihm wurde der Eintritt in die SED erwartet, und wer letzeres partout nicht wollte, trat dann behelfsweise in eine der „Blockparteien“ ein (alle Parteien - neben SED, CDU, LDPD, NDPD, DBD, - und wichtigen gesellschaftlichen Organisationen - wie der FDGB - waren in der „Nationalen Front“ zusammengeschlossen und auf einheitliche Linie gebracht).

Wer sich so als "Sozialistische Persönlichkeit" erwartungsgemäß verhielt, wurde belohnt: Alle höheren Bildungswege und Karriereschritte wurden als vom Staat gewährte „Auszeichnung“ und nicht als selbstverständliches Recht gehandhabt. 

Auf die EOS („Erweiterte Oberschule“ bis zum Abitur) kam nur, wer nicht negativ aufgefallen war, auch wenn sie oder er beste schulische Leistungen vorweisen konnten. Die Verpflichtung, als „Soldat auf Zeit“ (3. Jahre) oder Berufsoffizier seinen „Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee“ zu leisten, zeitweilig auch die Verpflichtung als Lehrer/in (!), waren dagegen ein Türöffner für das Abitur, selbst bei mangelnden Leistungen. Studienplätze wurden zentral vergeben, eine Ablehnung wurde nicht begründet.

Aber wer abwich, wer seinen eigenen Weg gehen wollte, bekam unverzüglich die Diktatur zu spüren: „Tramper“, „Punker“ wurden wegen „asozialem Verhalten“ vor Gericht gestellt, wer die DDR „unberechtigt“ verlassen wollte sowieso, wer seine eigene Meinung vertrat oder sich als Christ bekannte, bekam ins Zeugnis geschrieben dass er sich noch „einen klaren Klassenstandpunkt erarbeiten“ müsse und musste damit rechnen, keine Zulassung zum Abitur, zum Studium, zu begehrten Berufsausbildungen zu bekommen. Wer die oben aufgeführten Ergebenheitsbeweise nicht erbrachte, hatte damit von selbst die Begründung der „Ablehnung zur Zulassung“ gegeben. Und wer gar die (nur ganz wenigen bekannte und außer in der kirchlichen Öffentlichkeit nirgends bekannt gemachte) einzige legale Möglichkeit, den Waffendienst in der NVA zu verweigern in Anspruch nahm und „Bausoldat“ (Soldat in der NVA, aber ohne Waffenausbildung) wurde, hatte – bis auf ganz wenige Ausnahmen – keine Chance mehr, einen Studienplatz zu bekommen.  

Dennoch ist es der DDR-Führung nie gelungen, ihre Ideologie zur Weltanschauung aller zu machen. Der Großteil nahm die Anpassungsforderungen als „freiwillige Pflicht“ hin, ohne sie innerlich zu vertreten (im deutlichen Unterschied zur NS-Zeit, in der zumindest anfangs der überwiegende Teil der Deutschen die Ziele der NSDAP bejahte). Und nicht vergessen werden darf, dass DDR-Bürger über ARD und ZDF oder die Radioprogramme allabendlich in die Bundesrepublik „auswanderten“.

Diese Haltung, sich anzupassen, nicht auffallen zu wollen und verbriefte Rechte nicht einzufordern, haben viele in der DDR aufgewachsene Bürger bis heute nicht abgelegt.
Doch jeder, der das von außen kritisiert, frage sich selbst, ob er nicht genauso wäre, wenn er unter diesen Umständen der „Erziehungsdiktatur“ groß geworden wäre.

Nach oben