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Die Bemühungen, in der ehemaligen Stasi-U-Haft-Anstalt eine Bildungs- und Gedenkstätte einzurichten, spielten seit Gründung der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ im Januar 1999 eine Rolle.

Als am 4. 12. 1989 die danebenliegende MfS-Bezirksverwaltung als erste in der DDR besetzt wurde, war eine der Forderungen auch die nach Auflösung der MfS-Untersuchungshaft. Die Räume der MfS-U-Haft wurden ebenso wie die des MfS im Hauptgebäude am 4. 12. von Bürgern besichtigt, aufgrund der von Egon Krenz verfügten Amnestie war die U-Haft nicht belegt. Ab 5. 12. 1989 wurden hier die MfS-Akten der Kreisdienststellen eingelagert, die mit deren Auflösung hierher gebracht wurden; dadurch blieb die oberste Etage des Westflügels weitgehend im Zustand von 1989 erhaltlen. 

Konkrete Aktivitäten wurden entwickelt, als uns Anfang 2004 bekannt wurde, dass das Gebäude abgerissen werden soll. Wir informierten die Landesbauftragte und gemeinsam mit ihr kam es zu einer ersten Begehung am 2.4. 2004.

In der Folge wurde gemeinsam die Idee einer künstlerisch gestalteten Ausstellung in den Räumen entwickelt. Diese erste Ausstellung unter Träger­schaft der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ und sehr hohem Engagement des Projektleiters Herrn May sowie der Landesbeauf­tragten und ihrer Mitarbeiter/innen mit dem Titel „Einschluss“ vom 15. 6. bis 15. 9. 2005 war ein voller Erfolg,  sie erreichte und sensibilisierte die Öffentlichkeit und die Politik für das Vorhaben einer Gedenkstätte.

Während der Ausstellungszeit kamen auch viele Personen, die selbst dort aus politischen Gründen inhaftiert gewesen waren, zunehmend entwickelte sich eine Beteiligung einzelner Personen an dem Projekt. In der Folge kam es zu weiterführenden Treffen ehemaliger politischer Inhaftierter, organisiert durch die Landesbeauftragte und ihre Mitarbeiter/innen. Erstmals konnten ehemalige Inhaftierte des MfS in Erfurt ihrem erlittenen Unrecht eine Stimme geben. Diese Treffen mündeten 2007 in der Gründung des Vereins „Freiheit e.V.“.

Die zweite Ausstellung „Einschluss II“ vom 15. 6. bis 15. 9. 2006 war ein Kooperations­projekt mit der Landesbeauftragten als Gesamtkoordinator und –orga­nisator sowie Veran­stalter von Führungen, mit der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ insbesondere für die technisch-organisatorische Absicherung im Gebäude und mit „Radio F.R.E.I.“ als Projektträger und medialer Partner für das Konzept „Gefangenschaft hören“. In der Vorbereitung wurde darauf Wert gelegt, ehemalige politisch Inhaftierte als Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, insbesondere durch den Aufbau und der Verwendung von Hördateien mit Interviews. Zunehmend beteiligten sich wieder ehemalige politisch Inhaftierte aktiv an dem Projekt, insbesondere bei Führungen.

In derselben Weise wurde 2007 das Projekt „Einschluss III“ durchgeführt.

Seit 2006 wurde durch das Büro der Landesbeauftragten das Angebot von Führungen unter Mitwirkung von ehemaligen politisch Inhaftierten außerhalb dieser Zeit entwickelt und auch vielfach in Anspruch genommen.

2008 und 2009 wurde im selben Zeitraum wie in den Jahren zuvor die Form der Öffnung des Gebäudes und der Durchführung von Führungen und Veranstaltungen wieder mit gesondert gestalteter Ausstellung durch „Freiheit e.V.“ in Kooperation mit der Landesbeauftragten weitergeführt.

Im Jahr  2007 wurde unter Trägerschaft der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ eine Konzeption für die künftige Bildungs- und Gedenkstätte durch den Politikwissenschaftler  und Soziologen Dr. Peter Wurschi erarbeitet. Der Prozess wurde von einer Arbeitsgruppe begleitet, an der die Landesbeauftragte, zeitweise ein möglicher Investor und von Anfang an auch ehemalige politische Inhaftierte beteiligt waren. Im Verlauf der Erarbeitung kam es zu unterschiedlichen Zielvorstellungen, in deren Folge es in Zusammenarbeit einiger Personen aus der Gruppe der ehemals politisch Inhaftierten und der Mitarbeiter/innen der Landesbeauftragen zur Vorlage eines von ihnen so benannten „Alternativkonzeptes“ kam.

So existierten nun zwei Konzepte, die sich – bei vielerlei Gemeinsamkeiten in der konkreten Umsetzung – inhaltlich in ihrer Grundaussage unterscheiden. Während das von der LStU favorisierte Konzept in der ehemaligen MfS-UHA Erfurt insbesondere einen Gedenkort für die Opfer der politischen Gewalt in der DDR im Blick hatte, orientiert sich das von Dr. Wurschi erar­beitete Konzept auf ein breiter angelegtes pädagogisches Bildungskonzept mit der Betonung des Dreiklangs von Gedenk-, Erinnerungs- und Lernort , die über die Darstellung von politischer Justiz und Haft bis hin zur Wirkung im Alltag geht.

Innerhalb der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ ist es im Vorfeld der Erarbei­tung der Gedenkstättenkonzeption 2005 zu klaren Vorstellungen über die künftige Gestaltung und Trägerschaft der Bildungs- und Gedenkstätte gekommen. Konsens besteht darüber, dass die „Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.“ die Trägerschaft nicht übernimmt und dass eine inhaltliche Verantwortung der Arbeit nicht allein durch ehemalige Akteure und Zeitzeugen eines Vereins erfolgen kann. Es bedarf dazu einer im Umgang mit der Thematik und den verschiedenen, teils divergierenden Interessen bei Betroffenen, enga­gierten Akteuren und der Öffentlichkeit erfahrenen Leitung, wissenschaftlicher Fundierung, pädagogisch professioneller politischer Bildungsarbeit und einer Organisations­form, die eine kontinuierliche, weit in die Zukunft reichende Arbeit gewährleistet.

Auch aufgrund der vorliegenden zwei Konzeptionsentwürfe setzte die Landesregierung eine Expertenkommission unter Leitung von Prof. Dr. Peter Maser ein. Diese legte Ende 2008 Eckpunkte einer Konzeption für die Gedenkstätte und eines Netzwerkes für die Aufarbeitung in Thüringen in Form eines „Geschichtsverbundes“ vor und empfahl für die Trägerschaft die „Stiftung Ettersberg“.

In diesen Empfehlungen sehen wir uns in unserem Drängen auf eine umfassende Aufarbei­tung der DDR-Diktatur, die über die Darstellung von politischer Justiz und Haft bis hin zur Wirkung im Alltag geht, und der Schwerpunktsetzung der künftigen Erfurter Gedenkstätte in einer ebenso umfassenden politischen Bildungsarbeit bestätigt. Aus diesem und weiteren inhaltlichen Gründen haben wir ausdrücklich die Träger­schaft der künftigen Bildungs- und Gedenkstätte in Erfurt durch die „Stiftung Ettersberg“ unter Einbeziehung der bisherigen Akteure in einem Beirat befürwortet.

Im Vorfeld der o.g. Entscheidung wurden durch die von der Landesregierung eingesetzte Expertenkommission und durch das Kultusministerium alle Initiativen und Institutionen, so auch Freiheit e.V. und die Thüringer Landesbeauftragte zu je einer Beratung bzw. Anhörung eingeladen. Da wir als maßgelblicher Träger des einen Gedenkstättenkonzeptes dabei ausreichend Raum hatten, unsere Überlegungen und Argumente auszuführen, gehen wir davon aus, dass dies für alle anderen Eingeladenen ebenso zutraf.

Durch die Landesbeauftragte wurde zu diesem Thema ebenfalls eine Beratung durchgeführt.

Darüber hinaus waren „Freiheit e.V.“ und die Landesbeauftragte im Ausschuss Wissenschaft, Kultur und Bildung des Landtages geson­dert nochmals zu einer Anhörung eingeladen und konnten umfangreich Ihren Standpunkt und Ihre Argumente darstellen. Es kam aber zu keiner Änderung, durch den Ausschuss wurde der Kabinettsbeschluss einstimmig bestätigt.

Entsprechend gab es im Januar 2009 einen Kabinettsbeschluss, der besagt, dass die Stiftung Ettersberg die Trägerschaft über die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße übernehmen soll.

Die  Einbindung der ehemaligen Inhaftierten als Zeitzeugen  wird sowohl von der Expertenkommision als auch von der Stiftung Ettersberg ausdrücklich befürwortet, sie sollen im zu bildenden Beirat mitarbeiten sowie ihre Kompetenz bei der Durchführung der Bildungsarbeit und den Führungen in der Gedenkstätte in einem „erfahrungsgeschichtlichen Forum“ wie bisher einbringen. Dazu war ein Kooperationsvertrag mit „Freiheit e.V.“ vorgesehen.

Eine Reduzierung des Begriffes „Zeitzeugen“ auf diese Gruppe der ehemaligen Inhaftierten ist unsachge­mäß, insbesondere Akteure der friedlichen Revolution sind ebenso wichtige Zeitzeugen.

Bestandteil der Empfehlungen der Expertenkomission war die Einrichtung eines "Thüringer Geschichtsverbundes zur Aufarbeitung der SED-Diktatur", seit dessen Gründung 2009 arbeiten wir dort mit. Er soll den im Lande tätigen Aufarbeitungsinitiativen und -einrichtungen, Gedenkstätten und Grenzmuseen ein Forum der Zusammenarbeit bieten, unter dem sowohl die wissenschaftliche Profilierung als auch die Professionalisierung der museologischen und geschichtsdidaktischen Arbeit angestrebt werden. Der Geschichtsverbund soll der Gewinnung von Synergien dienen und eine länderübergreifende Vernetzung erleichtern.
Am 11. Juni 2009 fand die erste konstituierende Sitzung im Landtag statt.

Nach dem Kabinettsbeschluss gingen die Landesbeauftragte und der "Freiheit e.V." am 23. 1. 2009 mit Pressemitteilungen und Leserbriefen an die Öffentlichkeit, in denen u.a. von „Enteignung der Zeitzeugen,  Abspeisung der Zeitzeugen mit einer untergeordneten Nebenrolle, Nichtkompetenz der Stiftung Ettersberg und Zerschlagung der Gedenkstätte Andreasstraße“ die Rede ist. In dem Artikel wird der Eindruck vermittelt, „Freiheit e.V.“ wäre seit vier Jahren „Gedenk­stättenbetreiber“, mit dem Beschluss würde die „Gedenkstätte zerschlagen“. Damit wurde in einer nicht sachgerechten Weise die Rolle des Vereins „Freiheit e.V.“, vieler seiner Mitglieder und anderer Akteure, die sich für die Gedenkstätte eingesetzt haben, verzerrt und bis heute falsch dargestellt.

Die vorgesehene Kooperation der Stiftung Ettersberg mit „Freiheit e.V.“ kam nicht zustande, weil dieser auf der alleinigen Trägerschaft bestand, unterstützt durch die Landesbeauftragte. Deshalb wurde als Alternative die Errichtung einer unselbständigen „Thüringer Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ betrieben.

Am 27. Juli 2009 wurde per Erlass der Landesregierung die Stiftung „Gedenken – Erinnern – Lernen. "Thüringer Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ gegründet. Damit wird die Gedenkstättenlandschaft in Thüringen nachhaltig weiterentwickelt. Die Stiftung wird auch die Trägerschaft über den "Gedenkort und Bildungsstätte" mit der Aufgabe der politischen Bildung und Demokratieerziehung inder ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Erfurter Andreasstraße übernehmen:
"Die Landesregierung beabsichtigt, eine zukunftsfähige Struktur für die Gedenkstättenlandschaft zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zu schaffen, indem eine selbstständige Stiftung die Zusammenarbeit und Vernetzung der Grenzmuseen und Aufarbeitungsinitiativen und –einrichtungen in Thüringen befördert. Damit soll auch die Verantwortung für die Trägerschaft des Gedenkortes und der Bildungsstätte Andreasstraße Erfurt verbunden werden. Die Stiftung soll künftig auch die Landesmittel zur Förderung für Grenzmuseen und Aufarbeitungsinitiativen auf Basis objektiver Förderkriterien ausreichen.
In Vorbereitung der Gründung einer selbstständigen Stiftung soll im Geschäftsbereich des Thüringer Kultusministeriums eine unselbstständige Stiftung des öffentlichen Rechts eingerichtet werden."

Obwohl wir die Trägerschaft durch die Stiftung Ettersberg als den besseren Weg gesehen haben, unterstützen wir diese neue Stiftung als Möglichkeit, den Weg frei zu machen für ein Konzept, dass durch die Verknüpfung von Gedenken, Erinnern und Lernen die Andreasstraße zu einem nachhaltigen Lernort zur Demokratieerziehung werden lässt.

Zugleich ist damit die Verengung auf eine „MfS-Haftgedenkstätte“ vom Tisch, die „Freiheit e.V.“ und die Thüringer Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen favorisiert hatten.

Nach der Gründung der Stiftung wurden alle Mitglieder der Geschichtsverbundes gebeten, Vorschläge für den wissenschaftlichen Beirat und das Kuratorium zu unterbreiten, die durch im Erlass gesetzten den Stiftungsrat berufen werden. Wir sind der Auffassung, dass die mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen befassten Einrichtungen und Initiativen im Kuratorium vertreten sein sollten. Wenn „Freiheit e.V.“ aber seine völlige Ablehnung auch dieser Stiftung beibehält und auf einer alleinigen Trägerschaft besteht, macht eine Mitarbeit keinen Sinn. 

Mit Beginn des neuen Jahres 2010 kam es zu einer "Besetzung" des Gebäudes durch einige Mitglieder des "Freiheit e.V.", einer der Besetzer begann einen Hungerstreik, um der Forderung nach Trägerschaft unbedingten Nachdruck zu verleihen.
Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, nach anfänglicher Zustimmung in verschiedenen Presseartikeln und von Personen und Institutionen mehrten sich die Stimmen, die diese Aktion als unangemessen und nicht sachdienlich kritisierten.

Wir haben uns von Anfang an davon distanziert und zur Rückkehr zu kooperativen Zusammenarbeit aufgerufen, zumal sich die seitens "Freiheit e.V." vorgelegten Forderungen als unannehmbar erwiesen. Zugleich wurde massiv Kritik an der Rolle der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen, Frau Hildigund Neubert laut. Durch die Verhandlungen des neuen Staatssekretärs im Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Dr. Deufel wurde im Februar 2010 eine Annäherung erreicht und die Besetzung für beendet erklärt. 

Nun kommt es darauf an, die inhaltiche Gestaltung des Dreiklanges von Gedenken, Erinnern und Lernen in der Bildungs- und Gedenkstätte voranzutreiben und die eingetretene Verzögerung von einem Jahr aufzuarbeiten. Es ist zu hoffen, dass nicht zu viel Vertrauen in der Auseinandersetzung des vergangenen Jahres verloren gegangen ist.

Die Gesellschaft für Zeitgeschichte wird sich weiterhin für die Gedenk- und Bildungsstätte engagieren und wir werden als Zeitzeugen für Opposition und Widerstand in der DDR und als Akteure der friedlichen Revolution am Konzept der politischen Bildung mitwirken.

Fotos M. Sengewald