Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.

26.Januar 2009 

Offener Brief

zum Protest des Vereins „Freiheit e.V.“ und der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen gegen den Beschluss der Landesregierung, die Trägerschaft der künftigen Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-U-Haft in Erfurt der Stiftung Ettersberg zu übertragen


Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Irritation und Befremden haben wir, die "Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.", die Pressemitteilung der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen und des „Freiheit e.V.“ sowie die darauf basierende Zeitungsmeldung in der Thüringer Landes­zeitung vom  24. 1. unter dem Titel „Zeitzeugen enteignet - Gedenkstätte zerschlagen“ bzw. „Wir lassen uns nicht enteignen“ zur Kenntnis genommen.

Vorab: Uns ist unverständlich, warum die Thüringer Landesbeauftragte und warum der Verein „Freiheit e.V.“ den Weg über die Presse wählten, um ihrer Kritik an der Entscheidung der Thüringer Landesregierung Ausdruck zu verleihen, die künftige Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi- U-Haft in Erfurt in die Trägerschaft der Stiftung Ettersberg zu übergeben.

Eine öffentliche Auseinandersetzung unter den verschiedenen Initiativen und Institutionen zur Aufarbeitung der DDR und ihrer Diktatur nutzt in erster Linie denen, die noch immer diese Geschichte verklären und an einer gründlichen Aufarbeitung kein Interesse haben. Viel wichtiger wäre es einen offenen und fairen Diskurs innerhalb dieser Initiativen und Institutionen zu führen, wie die Aufarbeitung in Thüringen inhaltlich und organisatorisch gut vernetzt, wissenschaftlich fundiert und öffentlich wirksam unter Wahrung der je eigenen Gestalt und Schwerpunktsetzung der einzelnen Akteure zur Gestaltung einer fundierten politischen Bildungsarbeit beiträgt.

Wir wählen deshalb bewusst diesen Weg eines offenen Briefes an die in Thüringen beteiligten Akteure – und nicht den einer öffentlichen Auseinandersetzung über die Medien. Wir wollen aber zugleich feststellen, sollte der Streit weiter uneingeschränkt öffentlich gemacht werden, sehen wir uns gezwungen, auch selbst an die Öffentlichkeit zu gehen und andere dazu aufzufordern – mit Folgen, die noch nicht absehbar sind.

In dem Artikel wird der Eindruck vermittelt, „Freiheit e.V.“ wäre seit vier Jahren „Gedenk­stättenbetreiber“, mit dem Beschluss würde die „Gedenkstätte zerschlagen“.

Damit wird in völlig übertriebener Weise die Rolle des Vereins „Freiheit e.V.“, vieler seiner Mitglieder und anderer Akteure, die sich für die Gedenkstätte eingesetzt haben, verzerrt und falsch dargestellt.

Die Bemühungen, in der ehemaligen Stasi-U-Haft-Anstalt eine Gedenkstätte einzurichten, spielten seit Gründung der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ im Januar 1999 eine Rolle. Konkrete Aktivitäten wurden entwickelt, als Anfang 2004 bekannt wurde, dass das Gebäude abgerissen werden soll. Gemeinsam mit der Landesbeauftragten kam es zu einer ersten Begehung am 2.4. 2004. In der Folge wurde gemeinsam die Idee einer künstlerisch gestalteten Ausstellung in den Räumen entwickelt. Diese erste Ausstellung unter Träger­schaft der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ und sehr hohem Engagement des Projektleiters Herrn May sowie der Landesbeauf­tragten und ihrer Mitarbeiter/innen mit dem Titel „Einschluss“ vom 15. 6. bis 15. 9. 2005 war ein voller Erfolg,  sie erreichte und sensibilisierte die Öffentlichkeit und die Politik für das Vorhaben einer Gedenkstätte.

Während der Ausstellungszeit kamen auch viele Personen, die selbst dort aus politischen Gründen inhaftiert gewesen waren, zunehmend entwickelte sich eine Beteiligung einzelner Personen an dem Projekt. In der Folge kam es zu weiterführenden Treffen ehemaliger politischer Inhaftierter, organisiert durch die Landesbeauftragte.

Die zweite Ausstellung „Einschluss II“ vom 15. 6. bis 15. 9. 2006 war ein Kooperations­projekt mit der Landesbeauftragten als Gesamtkoordinator und –orga­nisator sowie Veran­stalter von Führungen, mit der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ insbesondere für die technisch-organisatorische Absicherung im Gebäude und mit „Radio F.R.E.I.“ als Projektträger und medialer Partner für das Konzept „Gefangenschaft hören“. In der Vorbereitung wurde darauf Wert gelegt, ehemalige politisch Inhaftierte als Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, insbesondere durch den Aufbau und der Verwendung von Hördateien mit Interviews. Zunehmend beteiligten sich wieder ehemalige politisch Inhaftierte aktiv an dem Projekt, insbesondere bei Führungen.

In derselben Weise wurde 2007 das Projekt „Einschluss III“ durchgeführt.

Im im März 2007 fand eine erste Versammlung statt, im September 2007 konstituierte sich der Verein „Freiheit e.V.“

2008 wurde im selben Zeitraum wie in den Jahren zuvor die bewährte Form der Öffnung des Gebäudes und der Durchführung von Führungen und Veranstaltungen wieder mit gesondert gestalteter Ausstellung weitergeführt, dieses Mal erstmalig ohne Projektleiter Herrn May und ohne die Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.

Seit 2006 wurde auch das Angebot von Führungen unter Mitwirkung von ehemaligen politisch Inhaftierten außerhalb dieser Zeit entwickelt und auch vielfach in Anspruch genommen.

Wir müssen es aber als anmaßend werten, wenn behauptet wird, dass „Freiheit e.V.“ Initiator und Träger der Gedenkstätte ist, ohne damit das Engagement und den konstruktiven Beitrag vieler, auch Mitglieder des „Freiheit e.V.“ damit mindern zu wollen. Bis heute sind in dem Gebäude immer wieder Projekte und Veranstaltungen durchgeführt worden, die Konstituierung einer Gedenkstätte steht aber noch aus.

Insofern ist auch das Reden von „Enteignung“ völlig unangemessen, weder Freiheit e.V. noch der Landesbeauftragten  noch anderen Vereinen oder Institutionen kann  die - künftige – Gedenkstätte „gehören“

Ebenfalls 2007 wurde unter Trägerschaft der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ eine Konzeption für die künftige Gedenkstätte durch den Politikwissenschaftler  und Soziologen Dr. Peter Wurschi erarbeitet. Der Prozess wurde von einer Arbeitsgruppe begleitet, an der die Landesbeauftragte, zeitweise ein möglicher Investor und auch ehemalige politische Inhaftierte beteiligt waren. Im Verlauf der Erarbeitung kam es zu unterschiedlichen Zielvorstellungen, in deren Folge es in Zusammenarbeit einiger Personen aus der Gruppe der ehemals politisch Inhaftierten und der Mitarbeiter/innen der Landesbeauftragen zur Vorlage eines von ihnen so benannten „Alternativkonzeptes“ kam.

Auch aufgrund der nun vorliegenden zwei Konzeptionsentwürfe setzte die Landesregierung eine Expertenkommission unter Leitung des allgemein anerkannten Prof. Dr. Peter Maser ein. Diese legte Ende 2008 Eckpunkte einer Konzeption für die Gedenkstätte und eines Netzwerkes für die Aufarbeitung in Thüringen in Form eines „Geschichtsverbundes“ vor und empfahl für die Trägerschaft die „Stiftung Ettersberg“.

In diesen Empfehlungen sehen wir uns in unserem Drängen auf eine umfassende Aufarbei­tung der DDR-Diktatur, die über die Darstellung von politischer Justiz und Haft bis hin zur Wirkung im Alltag geht, und der Schwerpunktsetzung der künftigen Erfurter Gedenkstätte in einer ebenso umfassenden politischen Bildungsarbeit bestätigt.

Aus diesen dargestellten Fakten ergibt sich, dass die Behauptung, die Landesbeauftragte und „Freiheit e.V.“ haben „das Gedenk­stättenkonzept erfolgreich umgesetzt“ in mehrfacher Hinsicht falsch ist: An den Projekten waren auch andere wie die "Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V." und „Radio F.R.E.I.“ beteiligt, und erst seit Anfang 2009 gibt es eine durch die Landesregierung und von den mit der Errichtung einer Gedenkstätte in Erfurt befassten Akteuren Rahmenkonzeption, die außer von der Landesbeauf­tragten und „Freiheit e.V.“ allgemein anerkannt wird.

Im Vorfeld der o.g. Entscheidung zur Gedenkstätte wurden durch die von der Landesregierung eingesetzte Expertenkommission und durch das Kultusministerium alle Initiativen und Institutionen, so auch Freiheit e.V. und die Thüringer Landesbeauftragte zu je einer Beratung bzw. Anhörung eingeladen. Da wir als maßgelblicher Träger des einen Gedenkstättenkonzeptes dabei ausreichend Raum hatten, unsere Überlegungen und Argumente auszuführen, gehen wir davon aus, dass dies für alle anderen Eingeladenen ebenso zutrifft.

Durch die Landesbeauftragte wurde zu diesem Thema ebenfalls eine Beratung durchgeführt.

Darüber hinaus waren „Freiheit e.V.“ und die Landesbeauftragte im Ausschuss Wissenschaft, Kultur und Bildung des Landtages geson­dert nochmals zu einer Anhörung eingeladen und konnten umfangreich Ihren Standpunkt und Ihre Argumente darstellen.

Die Behauptung, nicht oder – zumindest gegenüber anderen Initiativen -  unzureichend ange­hört oder beteiligt worden zu sein, ist schlicht falsch.

Auch die Behauptung, die ehemaligen politisch Inhaftierten würden „mit einer untergeord­neten Nebenrolle abgespeist“ ist haltlos, denn sie sollen ausdrücklich in einem Beirat mitarbeiten sowie ihre Kompetenz bei der Durchführung der Bildungsarbeit und den Führungen in der Gedenkstätte wie bisher einbringen. Dazu ist ein Kooperationsvertrag mit „Freiheit e.V.“ vorgesehen.

Außerdem ist eine Reduzierung des Begriffes „Zeitzeugen“ auf diese Gruppe unsachge­mäß, insbesondere Akteure der friedlichen Revolution sind ebenso wichtige Zeitzeugen.

 

Innerhalb der „Gesellschaft für Zeitgeschichte“ war es im Vorfeld und im Laufe der Erarbei­tung der Gedenkstättenkonzeption zu klareren Vorstellungen über die künftige Gestaltung und Trägerschaft der Gedenkstätte gekommen. Konsens besteht darüber, dass die Trägerschaft „Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.“ als Verein überfordern würde und dass eine inhaltliche Verantwortung der Arbeit nicht allein durch ehemalige Akteure und Zeitzeugen eines Vereins erfolgen kann. Es bedarf dazu einer im Umgang mit der Thematik und den verschiedenen, teils divergierenden Interessen bei Betroffenen, enga­gierten Akteuren und der Öffentlichkeit erfahrenen Leitung, wissenschaftlicher Fundierung, pädagogisch professioneller politischer Bildungsarbeit und einer Organisations­form, die eine kontinuierliche, weit in die Zukunft reichende Arbeit gewährleistet.

Aus diesem und weiteren inhaltlichen Gründen befürworten wir ausdrücklich die Träger­schaft der künftigen Gedenkstätte in Erfurt durch die „Stiftung Ettersberg“ unter Einbeziehung der bisherigen Akteure in einem Beirat.

Barbara Sengewald

Vorsitzende