Thüringer Allgemeine vom 5. 12. 2010

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Seite 1:

ERFURT (TA).
Der Direktor der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Volkhard Knigge, hat die Besetzung des ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Erfurt als "völlig überzogen" bezeichnet. Die Forderung des Vereins ehemaliger Häftlinge, die vollständige Trägerschaft zu bekommen, sei maßlos, sagte er dieser Zeitung. Auch die "Gesellschaft für Zeitgeschichte", die die Gedenkstätte gründete, äußerte sich kritisch. Kultur-Staatssekretär Thomas Deufel (SPD) sagte, man werde in den nächsten Wochen ein Trägerkonzept vorlegen.

Seite 3:

Schrille Egozentrik

Seit Tagen ist das ehemalige Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit von einstigen Opfern besetzt - und der lang anhaltende Streit um die sogenannte Aufarbeitungslandschaft in Thüringen eskaliert.

Von Martin DEBES

ERFURT.
Volkhard Knigge ist geschult in der diplomatischen Sprache, die man gegenüber Opferverbänden zu benutzen hat. Er leitet die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora lange genug. Doch was sagt er dazu, dass in der Erfurter Andreasstraße, in der früher die Stasi-Bezirksverwaltung verhörte und folterte, ein einstiger Häftling hungerstreikt?
 "Völlig überzogen", sagt der Historiker. Hier sei viel "schrille Egozentrik" dabei.
Knigge mag keine Namen nennen, aber wen er meint, ist unschwer zu erraten.
Die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, steht hinter dem Verein "Freiheit", der seit bald drei Jahren die Gedenkstätte in Erfurt betreut und dessen Mitglieder sie nun besetzt halten. Sie wollen die Trägerschaft über das Museum bekommen, dass in diesem Jahr bebaut werden soll.
Der Streit währt seit langem - und reicht weit über Erfurt hinaus. Seit Jahren versucht man in Thüringen, den meist autonom organisierten DDR-Gedenkstätten oder Vereinen einen sinnvollen organisatorischen und wissenschaftlichen Überbau zu geben. Initiativen wie Amthordurchgang in Gera, das Mat- thias-Domaschk-Archiv und die Geschichtswerkstatt in Jena, das Grenzmuseum in Mödlareuth, Point Alpha und eben die Erfurter Gedenkstätte waren unterfinanziert und kommunizierten kaum miteinander.
2008 kam eine Historikerkommission zu dem Schluss, dass es einen Verbund der Gedenkstätten geben müsse, was auch umgesetzt wurde. Dazu sollte die Ettersberg-Stiftung, die sich der vergleichenden Diktaturforschung widmet, die Trägerschaft für eine gemeinsame Struktur übernehmen. Dagegen kämpfte fast allein der Freiheit e. V. an, mit jener Argumentation, die Neubert gestern wiederholte: Die Schrecken der DDR dürften nicht "wissenschaftlich übertüncht und nivelliert" werden.
Neubert setzte in den letzten Monaten der CDU-Alleinregierung durch, dass der schon gebilligte Plan ausgesetzt und eine neue unselbstständige Stiftung gegründet wurde, in deren Rat Neubert nun vertreten ist. Aber dies, sagt sie, reiche nicht aus, die Erfurter Gedenkstätte müsse autonom verwaltet werden.
Das nun SPD-geführte Kultusministerium gab sich gestern verhandlungsbereit.
Aber vorerst wird weiter gehungert.

KOMMENTAR

Mission

Von Martin DEBES

Als sich Hildigund Neubert das letzte Mal für den CDU-Landesvorstand bewarb, sagte sie: Nun gehe es hinein in die finale Debatte um die Deutungshoheit der DDR-Geschichte und diese wolle sie auch dank ihres Postens in der Parteispitze führen.
Damit hatte die Frau, deren Amt als Stasi-Beauftragte eigentlich Neutralität bedarf, die von ihr gepflegte symbiotische Verbindung von Macht und Mission definiert. Die Besetzung der Stasi-Haftanstalt ist vor allem ihr Werk: Sie will über die Andreasstraße die Kontrolle über all das bekommen, was im Land an die Diktatur  DDR erinnert.
Der Kampf einstiger Opfer um Beteiligung an dieser Erinnerungsstruktur ist an sich ehrenwert: Die wissenschaftliche Reflektion muss neben dem Zeitzeugenbericht stehen, nicht darüber. Man sollte sich aber nicht für die Ideologie und Karriere anderer instrumentalisieren lassen.