Denkschrift zum Thema „Kirche und Jugend“

Vorwort

Das jüngste Kind fragt: »Warum ist diese Nacht so anders als die andern Nächte?« Und die Großen antworten und erzählen die Geschichte vom heilvollen Handeln Gottes am Volk Israel und vom Weg durch die Wüste Sinai. Diese Tradition, die zum jüdischen Passahfest gehört, drückt aus, von welch großer Bedeutung es ist, den Glauben an die junge Generation weiterzugeben. Ihren Glauben in Worte fassen, zu biblischen Geschichten und eigenen Erfahrungen in Beziehung setzen, können Jugendliche nur, wenn andere ihnen davon erzählen und mit ihrem Leben und ihren Worten weitergeben, was sie selbst gehört und geglaubt haben. Und wir wissen: Je früher ein Mensch in seiner Biographie mit dem Glauben in Berührung kommt, umso nachhaltiger wirkt sich das im Verlauf des Lebens aus.

Angesichts der sozialen und kulturellen Veränderungen, welche die  selbstverständliche Geltung der Tradition auch in der Kirche in Frage stellen, und angesichts der Dominanz materieller Werte in unserer Gesellschaft wird darum die Frage der Generationenbeziehungen in der christlichen Bildung und Erziehung und in der Gemeinde zu einem Prüfstein für die Lebenskraft des christlichen Glaubens. Junge Menschen müssen in einem Prozess ständiger Wandlungen ihre Identität finden. Sie suchen dabei nach Orientierungen, um Perspektiven für ein eigenes Leben zu entwickeln, und nach Antworten auf ganz unterschiedliche Fragen. Es geht dabei immer auch um Werte und Lebenssinn, und damit eben immer auch um religiöse Fragen. Mit Jugendlichen diesen Gesprächsfaden der existenziellen Fragen aufzunehmen und sie dabei nicht nur als suchende, sondern auch als inspirierte Personen ernst zu nehmen, kann für alle Beteiligten ganz neue Zugänge zu eigenem Fragen und Suchen eröffnen.

»Da ist ein anderer, an den du dich wenden kannst. Du kannst zu Gott beten, selbst wenn alle anderen dich zu verlassen scheinen.« Das zu erleben, ist für viele Jugendliche geradezu eine Befreiung. Sie wollen hören, was Erwachsene glauben, wo Erwachsene und andere Jugendliche in der Kirche Halt erfahren. Dabei müssen die Vorbilder nicht immer gleich Heilige sein. Aber erkennbar sollten sie sein mit ihren Schwächen und Stärken. Die vorliegende Handreichung gibt dem Verhältnis von Kirche und Jugend Impulse und Perspektiven. Ich danke der Kammer für Bildung und Erziehung, Kinder und Jugend und der von ihr gebildeten Arbeitsgruppe für die Vorbereitung dieses Textes. Er lag dem Rat der EKD bereits gegen Ende der vorigen Amtsperiode vor und fand dessen ungeteilte Zustimmung. Der neue Rat leistet gern seinen Beitrag, ihn nun zu veröffentlichen. Ich hoffe sehr, dass er bei Verantwortlichen und Beteiligten der kirchlichen Arbeit mit Jugendlichen Aufmerksamkeit und Unterstützung findet.

Hannover, im Dezember 2009

Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann

 

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